{"id":844,"date":"2021-11-17T10:03:56","date_gmt":"2021-11-17T09:03:56","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/?page_id=844"},"modified":"2021-11-17T10:21:30","modified_gmt":"2021-11-17T09:21:30","slug":"zeitzeugenberichte","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/arkivet\/zeitzeugenberichte\/","title":{"rendered":"Zeitzeugenberichte"},"content":{"rendered":"\n<h1>Zeitzeugenberichte<\/h1>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/berg-_harry.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-96\" width=\"302\" height=\"441\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/berg-_harry.jpg 604w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/berg-_harry-205x300.jpg 205w\" sizes=\"(max-width: 302px) 100vw, 302px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Berg, Hanno (Pseudonym)<\/h3>\n\n\n\n<p>Elektriker, unternahm 1972 einen Fluchtversuch \u00fcber die Ostsee<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zu Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 7. November 2007 in Rostock&nbsp;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Hanno Berg, Jahrgang 1948, kam in K\u00fchlungsborn zur Welt. Vier Jahre sp\u00e4ter wurde sein Bruder Kurt geboren. Zun\u00e4chst wuchsen beide S\u00f6hne in Jennewitz, einer Gemeinde nahe der Stadt Kr\u00f6pelin auf. Ihr Vater, der urspr\u00fcnglich aus Litauen stammte, betrieb dort zusammen mit seiner Frau einen gr\u00f6\u00dferen Landwirtschaftsbetrieb mit S\u00e4gewerk und Schreinerei. Als der Vater durch die drohende Zwangskollektivierung Ende der 50er Jahre seine selbst\u00e4ndige Existenz als Landwirt in Frage gestellt sah, gab er seinen Betrieb auf und lie\u00df sich mit seiner Familie in K\u00fchlungsborn nieder. W\u00e4hrend er als Schlosser in einem Zulieferbetrieb f\u00fcr die Werftindustrie anfing, fand seine Frau eine Anstellung als Verk\u00e4uferin.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Hanno, der die Schulbank zun\u00e4chst in Kr\u00f6pelin gedr\u00fcckt hatte und daf\u00fcr t\u00e4glich mehrere Kilometer zu Fu\u00df zur\u00fccklegen musste, brachte der Umzug viele Erleichterungen mit sich, so u.a. die M\u00f6glichkeit, seine wenige Freizeit am Strand oder auf dem Wasser verbringen zu k\u00f6nnen. Da die Eltern ihr neues Domizil st\u00e4ndig erweiterten und ausbauten, um Zimmer an die Badeg\u00e4ste vermieten zu k\u00f6nnen, musste er daheim sehr viel mit anpacken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als \u00fcberzeugte Christen standen die Bergs auch politisch in Opposition zum atheistischen Staat. Unbeeindruckt von der Propaganda gegen den kapitalistischen Westen, informierten sie sich vor allem \u00fcber das westliche Sender und pflegten enge Kontakte zu ihren Verwandten in der Bundesrepublik. So hielten sich auch die beiden S\u00f6hne bewusst von der Pionierorganisation fern und verweigerten den Eintritt in die FDJ. Gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten in der Schule erwuchsen ihnen daraus nicht. An den politischen Diskussionen, die im Rahmen des Staatsb\u00fcrgerkundeunterrichts stattfanden, beteiligte sich Hanno Berg meist sehr kritisch. Um seinen Notendurchschnitt nicht zu gef\u00e4hrden, konnte er jedoch den Zeitpunkt absch\u00e4tzen, wann er das \u201eFeuer einstellen\u201c musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abschluss der 10. Klasse absolvierte er eine Lehre als Elektriker bei \u201eBlitz &amp; Donner\u201c wie der die handwerkliche Produktionsgenossenschaft von ihren Mitarbeitern scherzhaft genannt wurde. 1968, im Jahr des \u201ePrager Fr\u00fchlings\u201c, wurde er zum Grundwehrdienst nach Torgelow einberufen. Als Milit\u00e4rkraftfahrer und pers\u00f6nlicher Chauffeur des Chefs einer Nachrichteneinheit f\u00fchrte er dort zun\u00e4chst ein f\u00fcr NVA-Verh\u00e4ltnisse untypisches \u201eruhiges Leben\u201c. Im Unterschied zur Schule nahm er in Gespr\u00e4chen mit anderen Soldaten kein Blatt mehr vor den Mund. Die als \u201ebr\u00fcderliche Hilfe\u201c deklarierte Niederschlagung der tschechoslowakischen Demokratiebewegung durch die Sowjetunion und ihren Verb\u00fcndeten emp\u00f6rte nicht nur ihn, sondern auch viele seiner Kameraden. Sie tauschten Informationen westlicher Radiosender miteinander aus und diskutierten \u00fcber die Rolle der DDR-Medien.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Hanno Berg seine politische Meinung in einem pers\u00f6nlichen Brief artikulierte, geriet dieser in die F\u00e4nge der Postkontrolle. Daraufhin wurde er vor versammelter Truppe vom Gefreiten zum Soldaten degradiert. Zwei seiner Kameraden traf es noch schlimmer &#8211; sie wurden in Schwedt, der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Milit\u00e4rhaftanstalt, inhaftiert und hatte ihre Haftzeit sp\u00e4ter \u201enachzudienen\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner unehrenhaften Entlassung vom Wehrdienst arbeitete Hanno Berg wieder als Elektriker in seinem alten Ausbildungsbetrieb. Mit der illegalen Herstellung so genannter \u201eKonverter\u201c, mit denen westliche Fernsehsender empfangen werden konnten, verdiente er sich etwas Geld hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der junge Elektriker inzwischen den ehrgeizigen Wunsch hegte, ein Studium der Elektrotechnik aufzunehmen, entschied er sich, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. Dank der F\u00fcrsprache eines angesehenen P\u00e4dagogen gelangte er trotz seiner Vorgeschichte auf die Abendschule, um das Abitur nachzuholen. Seine Bem\u00fchungen, einen Studienplatz an der Technischen Hochschule in Wismar zu bekommen, blieben ihm aufgrund der politischen Vermerke in seinen Unterlagen jedoch verwehrt. Da dieser Weg versperrt blieb, bewarb er sich an der Wilhelm-Pieck-Universit\u00e4t Rostock um die Aufnahme eines Physik-Studiums. Im Rahmen eines pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chs mit einem Vertreter der Bildungseinrichtung machte ihm dieser klar, dass sein Stadienwunsch eine \u201ever\u00e4nderte politische Einstellung\u201c zur DDR voraussetze.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hanno Berg stellte klar, dass er \u201ekein Mitl\u00e4ufer\u201c sei. Er k\u00f6nne nur aktiv f\u00fcr eine Sache Partei ergreifen, von der er auch \u00fcberzeugt sei. Sein christlicher Glaube lege ihm jedoch ein distanziertes Verh\u00e4ltnis zum Staat nahe. Mit der unverbindlichen Aussage seines Gegen\u00fcbers, er k\u00f6nne sich nach Ablauf eines halben Jahres&nbsp; der \u201eBew\u00e4hrung in der Produktion\u201c erneut bewerben, endete das Gespr\u00e4ch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Endg\u00fcltig entmutigt begrub Hanno Berg seine Studienpl\u00e4ne und begann gemeinsam mit einem K\u00fchlungsborner Freund ernsthaft \u00fcber eine Flucht aus der DDR nachzusinnen. Aufgrund der geografischen Lage stand f\u00fcr beide au\u00dfer Frage, dass sie die Flucht nur \u00fcber die Ostsee antreten wollten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ende August 1971 erwarb Hanno Berg in einem Rostocker Sportgesch\u00e4ft auf der Kr\u00f6peliner Stra\u00dfe ein Faltboot. Um sich \u00fcber die Grenzsicherungsma\u00dfnahmen an der K\u00fcste vor Ort zu informieren &#8211; der Beobachtungsturm im Ortsteil Ost war zu diesem Zeitpunkt noch nicht errichtet &#8211; suchte er sogar das direkte Gespr\u00e4ch mit zwei Grenzposten, die hier regelm\u00e4\u00dfig Streife liefen. Da ihm die beiden Gleichaltrigen \u201elocker\u201c und sympathisch erschienen, hoffte er insgeheim, im Notfall sogar mit ihrer Hilfe rechnen zu k\u00f6nnen. Seine wirklichen Absichten verriet er ihnen aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Fluchtzeitpunkt n\u00e4her zu r\u00fccken begann, stieg sein Freund aus dem Vorhaben aus. Mit einem vertrauensw\u00fcrdigen Bekannten traf dieser jedoch die Vereinbarung, ihm seinen Platz im Boot zu \u00fcberlassen. Zur Vorbereitung der Flucht steuerte der Nachfolger mehrere Seekarten bei, die er aus dunklen Kan\u00e4len von der Grenzbrigade K\u00fcste beschafft hatte. Hanno Berg steuerte u.a. zwei Kompasse sowie zwei Reifen als Rettungsringe bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 28. Oktober herrschte an der Ostsee dichter Nebel, den auch kein Scheinwerfer zu durchdringen vermochte. Abends begaben sich die beiden jungen Leute an die Steilk\u00fcste, um heimlich mit dem Boot See zu stechen. Um nicht versehentlich der Streife in die Arme zu laufen, harrten sie sich zun\u00e4chst unterm Rettungsturm aus, um abzuwarten, bis die Soldaten an ihnen vor\u00fcber gezogen waren. Erst danach konnten sie es wagen, zu fliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Orientierend an Karte und Kompass paddelten sie auf offne Meer in Richtung&nbsp; D\u00e4nemark. War die See zum Zeitpunkt ihres Aufbruchs noch spiegelglatt gewesen, zeigte sie sich Stunden sp\u00e4ter von ihrer unberechenbaren Seite: Meterhohe Wellen erschwerten zusehends das Fortkommen auf dem Wasser und trieben das Boot mit immer wieder von seinem Kurs ab. W\u00e4hrend Hanno Berg mit dem Mut der Verzweifelung weiter zu paddeln versuchte, \u00fcbermannte seinen Partner so stark die Angst, dass er zu resignieren begann und das Paddeln einstellte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da an ein gemeinsames Fortkommen unter diesen Umst\u00e4nden nicht zu denken war, entschloss Hanno Berg sich zur Umkehr nach K\u00fchlungsborn, um zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt noch einmal auf eigene Faust einen neuen Versuch zu unternehmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als die beiden Insassen entkr\u00e4ftet die K\u00fcste erreichten, hatte sich der Nebel inzwischen gelichtet. Am Ufer angekommen, sprang der Gef\u00e4hrte aus dem Boot, um sofort in der Dunkelheit zu entschwinden. V\u00f6llig allein gelassen, zog Hanno Berg das Boot an Land, um es in einem Versteck zu deponieren. Nachdem er dies getan hatte, erklomm er den Uferhang, um sich auf k\u00fcrzesten Weg in sein Elternhaus zu begeben. Oben angekommen, h\u00f6rte er zuerst das Ladeger\u00e4usch eines Maschinengewehrs und sah kurz darauf dessen M\u00fcndung auf sich gerichtet. Hinter dem Posten, dessen bekanntes Gesicht ihn anblickte, erblickte er einen Lastkraftwagen, in dessen N\u00e4he sich mehrere Uniformierte aughielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die LKW-Fahrt endete in Rostock, genauer: im Gr\u00fcnen Weg, dem Zugang zum Untersuchungsgef\u00e4ngnis der Bezirksverwaltung f\u00fcr Staatssicherheit. Die erste Zeit der sechs Monate langen U-Haft verbrachte Hanno Berg in einer Einzelzelle. W\u00e4hrend der zahlreichen Verh\u00f6re behauptete er, er habe niemals fliehen, sondern nur auf der Ostsee paddeln wollen. Sp\u00e4ter teilte er mit einem jungen Mann die Zelle, den das MfS offensichtlich als Spitzel gegen ihn gedungen hatte. Da er aber auf der Hut war, hielt er sich im Gespr\u00e4ch bedeckt und bei seiner Version.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr Vertrauen hatte dagegen er zu einem Mitgefangenen aus West-Berlin gefasst, mit dem er kurzzeitig zusammen gesperrt worden war. Der West-Berliner war beim Versuch aufgegriffen worden, seine Freundin aus dem Ostteil der Stadt auszuschleusen. Von ihm erhielt Hanno Berg die Empfehlung, sich wegen seines A\u00dcbersiedlungswunsches an den Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel zu wenden. Diesen Hinweis mit der Bitte um Kontaktaufnahme leitete er an seine Mutter weiter, die das Recht hatte, ihren Sohn einmal im Monat zu besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Monaten strikten Leugnens konfrontierten die MfS-Vernehmer Hanno Berg mit den Aussagen seines Fluchtpartners. Als sie ihm dar\u00fcber hinaus auch noch v\u00f6llig unverhofft die handschriftlich unterschriebenen Verh\u00f6rprotokolle seines Bruders Kurt vorlegen, in dem dieser seine Mitwisserschaft von der Tat zugab, legte er schlie\u00dflich ein umfassendes Gest\u00e4ndnis ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prozess wegen versuchter Republikflucht fand vor der Strafkammer des zust\u00e4ndigen Kreisgerichts in Bad Doberan statt. Links und Rechts des Weges, der aus dem Gefangenentransportfahrzeug zum Gerichtsgeb\u00e4ude f\u00fchrte, war er von Freunden, Bekannte und Verwandten umgeben. Berg berichtet, dass ihm diese N\u00e4he sehr viel Kraft gegeben habe. W\u00e4hrend der Verhandlung nahm er die Schuld auf sich, um seinen Partner und seinen Bruder, die in getrennten Verhandlungen abgeurteilt wurden, zu entlasten. Daf\u00fcr vers\u00e4umte er es aber nicht, rhetorisch eine \u201eBreitseite auf den Staat\u201c abzufeuern. Diese \u201eUneinsichtigkeit\u201c hatte Auswirkung auf sein Strafma\u00df: Statt zweieinhalb Jahren Strafvollzug, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, erkannte das Gericht auf eine zwei Monate l\u00e4ngere Strafe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seinem Fluchtpartner wurde sp\u00e4ter durch dasselbe Gericht wegen mildernder Umst\u00e4nde eine deutlich k\u00fcrzere Strafzeit zuerkannt. Kurt Berg musste ebenfalls f\u00fcr ein Jahr ins Gef\u00e4ngnis, weil er seinen Bruder Hanno nicht angezeigt und Beweismaterial beiseite zu schaffen versucht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner rechtskr\u00e4ftigen Verurteilung gelangte Hanno Berg per \u201eGrothewohl-Express\u201c &#8211; wie der Gefangenzug genannt wurde &#8211; in die Strafvollzugsanstalt Cottbus. Hier teilte er mit acht anderen politischen H\u00e4ftlingen &#8211; darunter einem Zahnarzt, einem Gyn\u00e4kologe, einem Arch\u00e4ologieprofessor, einem Professor f\u00fcr \u00d6konomie, einem Pfarrer und einem Diplomingenieur \u2013 f\u00fcr anderthalb Jahre eine Zelle. Dank der Erfahrungen, die seine Zellengenossen an ihn weitergaben, lernte er die DDR aus ganz anderen Perspektiven kennen. Um den schwierigen Alltag im Gef\u00e4ngnis zu bew\u00e4ltigen, schrieb er auch Gedichte, in denen er seine \u00c4ngste und Sehns\u00fcchte formulierte.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Strafvollzugs hatte er als Elektriker in einem Betrieb zu arbeiten, die Geh\u00e4useteile f\u00fcr die in der DDR gesch\u00e4tzten Practica-Kameras herstellte. Da er hier an mehreren Stationen eingesetzt wurde, vermochte er sich freier zu bewegen als seine Mitgefangenen. Mit Hilfe eines verst\u00e4ndnisvollen Meisters war es ihm sogar m\u00f6glich, seinen Bruder Kurt zu sprechen, der sich vor\u00fcbergehend in einer Cottbuser Zelle aufhielt, um von dort hier aus nach Bautzen \u00fcberf\u00fchrt zu werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund seiner Position im Betrieb organisierte Hanno Berg auch den Nachrichtenaustausch unter den anderen H\u00e4ftlingen. Nachdem er bei der \u00dcbergabe eines Kassibers erwischt worden war, sperrte man ihn zur Strafe in eine Kellerzelle, die anstelle einer Pritsche mit einem Betonsockel ausgestattet war. Eine Fenster\u00f6ffnung war zwar in der Wand vorhanden, jedoch kein Fensterglas, was angesichts niedriger Au\u00dfentemperaturen zur Unterk\u00fchlung seines K\u00f6rpers f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im November 1972 wurden zwei Bustransporte mit H\u00e4ftlingen zusammengestellt, die \u00fcber Karl-Marx-Stadt in den Westen ausreisen durften. Die Transporte waren das Ergebnis diplomatischer Verhandlungen mit der Bundesrepublik, die f\u00fcr jeden politischen Gefangenen eine bestimmte Summe zahlte. Dank der Verbindungsaufnahme zu Rechtsanwalt Vogel war Hanno Berg einer der Gl\u00fccklichen, die nach ihrer Antragstellung auf Entlassung aus der Staatsb\u00fcrgerschaft \u201eauf Transport\u201c gehen durften. Unmittelbar am Grenz\u00fcbergang bei Eisenach, an dem Anwalt Vogel pers\u00f6nlich zugegen war, verlie\u00dfen die MfS-Begleiter die Busse. Auf der anderen Seite wurden die \u00fcbergl\u00fccklichen Insassen von Mitarbeitern des Roten Kreuzes sowie einem Team des kanadischen Fernsehens in Empfang genommen. Die Freude der Ankommenden war unbeschreiblich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seine neue Freiheit nutzend, unternahm Hanno Berg ausgedehnte Reisen ins In- und Ausland. Paris war eine der ersten Stationen, die ihn nachhaltig beeindruckten. Bevor er 1988 erstmals offiziell wieder in die DDR einreisen durfte, gelang es ihm bereits 1974 durch einen Trick das l\u00fcckenhafte Meldesystem zu unterlaufen und seine Verwandten in der alten Heimat zu besuchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Anfang der 90er Jahre lebt er inzwischen wieder in K\u00fchlungsborn. Aufgrund des Studiums seiner Stasiakten kennt er inzwischen die Namen derer, die dem MfS damals belastende Informationen zugespielt haben. Viele von ihnen leben noch immer in der Region, einige bekleiden inzwischen sogar exponierte Posten.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der langen Zeit seit den damaligen Ereignissen hat bislang aber keiner dieser fr\u00fcheren Informanten den Mut gefunden, auf Hanno Berg zuzugehen und sich zu entschuldigen. Befragt danach, ob er entt\u00e4uscht dar\u00fcber sei, antwortet Berg: \u201eIch kenne die Gr\u00fcnde nicht, deswegen urteile ich auch nicht. Wenn einer das aus Gr\u00fcnden des materiellen Vorteils gemacht hat, w\u00fcrde ich mit dem dann auch nicht mehr verkehren wollen. Ich wei\u00df aber auch, dass einzelne unter Druck gesetzt wurden und dann etwas mitgemacht haben.\u201c Von sich aus wolle er keinen pers\u00f6nlich auf seine Vergangenheit ansprechen. Da ihn die diese aber selbst nicht loslasse, hat er die Absicht, irgendwann einmal seine Erinnerungen zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/udo_bloek-756x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-107\" width=\"378\" height=\"512\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/udo_bloek-756x1024.jpg 756w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/udo_bloek-221x300.jpg 221w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/udo_bloek-768x1041.jpg 768w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/udo_bloek.jpg 904w\" sizes=\"(max-width: 378px) 100vw, 378px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Bloeck, Udo<\/h3>\n\n\n\n<p>ehemaliger Informant der Grenztruppen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 15. August 2007 in K\u00e4gsdorf&nbsp;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Udo Bloeck wurde 1934 in K\u00f6nigsberg (heute Kaliningrad \/ Russland) geboren. Als Sohn eines Angestellten der ostpreu\u00dfischen Landesbank und dessen Ehefrau wuchs er zun\u00e4chst in so genannten \u201egutb\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen\u201c auf. Zur Familie Udo Bloecks z\u00e4hlten au\u00dferdem eine \u00e4ltere Schwester sowie ein j\u00fcngerer Bruder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende 1944, der Vater befand zu dieser Zeit \u201eim Feld\u201c, wurde seine Familie vor den heranr\u00fcckenden Truppen der Roten Armee ins Landesinnere des damaligen Deutschen Reiches evakuiert. Die an das gro\u00dfst\u00e4dtische Leben gewohnte Mutter und ihre Kinder landeten schlie\u00dflich in Knobelsdorf, einem zwischen Waldheim und D\u00f6beln gelegenen kleinen s\u00e4chsischen Ort. Kurz nach Kriegsende stie\u00df der aus der Kriegsgefangenschaft entlassene Vater hinzu. Nach seinem Eintritt in die SPD und der \u00dcbernahme in die SED erhielt dieser beim zust\u00e4ndigen Landrat erneut eine Anstellung als Revisor. Aufgrund seiner vorbildlichen Dienstauaus\u00fcbung gelangte er dann ins Dresdener Finanzministerium, wo er aufgrund seiner pers\u00f6nlichen Geradlinigkeit und beruflichen Kompetenz zwar gesch\u00e4tzt, aufgrund seines b\u00fcrgerlichen Lebensstils aber auch unterschwellig angefeindet wurde. Zu Hause verlor er dar\u00fcber jedoch kein Wort.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die politische Entwicklung Udo Bloecks vollzog sich unter dem Eindruck der Erlebnisse der letzten Kriegstage. Als 10-j\u00e4hriger sa\u00df er zusammen mit sowjetischen Soldaten im Stra\u00dfengraben, die ihren kargen Proviant mit ihm teilten. Von ihnen erfuhr er auch, dass der Krieg zu Ende sei. Aufgrund dieses pr\u00e4genden Erlebnisses trat Bloeck aus freien St\u00fccken zun\u00e4chst der kommunistischen \u201eKinderlandbewegung\u201c bei, aus der der \u201eVerband der Jungen Pioniere\u201c hervorgehen sollte. Sp\u00e4ter wurde er Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem der nach eigenem Bekunden romantisch veranlagte Junge 1949 die Schule beendet hatte, begann er eine landwirtschaftliche Ausbildung auf einem Gut der Sowjetischen Milit\u00e4radministration (SMA), die eine Spezialisierung zum Sch\u00e4fer vorsah. Nach Abschluss seiner Lehre geriet er an zwielichtige Werber, die freiwilligen Nachwuchs f\u00fcr die Kasernierte Volkspolizei (KVP) und die Deutsche Grenzpolizei (DGP) rekrutierten, aus denen sp\u00e4ter die Nationale Volksarmee und die Grenztruppen der DDR hervorgingen. Nachdem der junge Mann den Werbern das Versprechen abgenommen hatte, im Falle seiner Zusage in einer Reitereinheit der DGP dienen zu d\u00fcrfen, unterzeichnete er eine Verpflichtung \u00fcber drei Jahre. Unter Bruch dieser nur m\u00fcndlich gegebenen Zusage wurde er auf die Offiziersschule nach Gro\u00dfenhain entsandt, wo man ihn dr\u00e4ngte, sich f\u00fcr weitere 22 Jahre zu verpflichten. Da er sich dazu nicht \u00fcberreden lie\u00df, wurde er \u00fcber mehrere Zwischenstationen ins mecklenburgische Eggesin (Kreis Ueckerm\u00fcnde) versetzt. Im dortigen Nachrichtenbataillon lernte er auch seine sp\u00e4tere Verlobte kennen, die hier als Zivilbesch\u00e4ftigte arbeitete.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner Entlassung 1955 zog Udo Bloeck mit seiner Verlobten in deren Heimatort Warin (Kreis Sternberg), wo beide im Jahr darauf heirateten. Beeinflusst durch seinen Schwiegervater begab er sich auf die Suche nach einer lukrativeren Verdienstm\u00f6glichkeit au\u00dferhalb der Landwirtschaft. F\u00fcr den beruflichen Wechsel ben\u00f6tigte jedoch eine Freistellung durch die zust\u00e4ndige Abteilung des Rates des Kreises, die ihm trotz indirekter Androhung, in den Westen gehen zu wollen, verweigert wurde. In der Bewerbung bei der Volkspolizei sah er deshalb des einzig m\u00f6glichen Ausweg. Nach seiner Aufnahme als VP-Anw\u00e4rter entschied sich Udo Bloeck f\u00fcr den Dienst in der zur Volkspolizei geh\u00f6renden Berufsfeuerwehr. Nach einer mehrw\u00f6chigen Grundausbildung wurde er der Besatzung eines L\u00f6schbootes zugeteilt, die f\u00fcr die seeseitige Sicherung des Wismarer \u00d6lhafen zu sorgen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits wenige Jahre sp\u00e4ter war Udo Bloeck allerdings gezwungen, sich nach einer neuen T\u00e4tigkeit umzusehen. Mit der Begr\u00fcndung, dass er einen schlechten Einfluss auf \u201edie j\u00fcngeren Genossen\u201c aus\u00fcbe, legten ihm seine Vorgesetzten nahe, den Dienst zu quittieren. Ungeachtet seiner positiven Grundhaltung zur DDR warfen sie ihm u.a. vor, sich im Kollegenkreis \u00fcber die nach dem Ungarn-Aufstand 1956 eingef\u00fchrten Schie\u00df\u00fcbungen bei der Feuerwehr mokiert zu haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sein weiterer Werdegang f\u00fchrte den ehemaligen Feuerwehrmann auf die Mathias-Thesen-Werft (MTW) in Wismar. Dort stellte man ihn zun\u00e4chst als Entroster ein, bevor er erst in die Taklerei und sp\u00e4ter dann zum Faltbootbau wechselte, wo er das Segelmacherhandwerk erlernte. Als sich die Werft aus Kostengr\u00fcnden von der Faltbootsparte trennte und sie einem halbstaatlichen Betrieb \u00fcberlie\u00df, lie\u00df Udo Bloeck sich von diesem \u00fcbernehmen. Auch hier kam es zu pers\u00f6nlichen Spannungen, die ihn veranlassten, sich nach einer neuen Wirkungsst\u00e4tte umzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen des politischen Systems, das er aus \u00dcberzeugung mit trug, engagierte er sich auf unterschiedliche Weise f\u00fcr die Gesellschaft. Als Mitbegr\u00fcnder der Arbeiter-Wohnungsgenossenschaft Warin war er \u00fcber lange Zeit auch deren Vorsitzender. Innerhalb der paramilit\u00e4rischen Gesellschaft f\u00fcr Sport und Technik unternahm er vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten zur Entwicklung des Wasser- und Tauchsportes in seinem Wohnort. Schlie\u00dflich folgte er als einer von fast 300.000 jungen M\u00e4nnern einem Aufruf des FDJ-Zentralrates vom August 1961, der die m\u00e4nnlichen Verbandsmitglieder dazu aufgerufen hatte, sich zum Schutz des \u201eVaterlandes\u201c f\u00fcr den freiwilligen \u201eEhrendienst\u201c in der Nationalen Volksarmee zu verpflichten. Im Rahmen dieser mehrmonatigen Verpflichtung war er den Streitkr\u00e4ften bei der milit\u00e4rischen Schulung von Hochschulabsolventen behilflich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Udo Bloeck 1963 in der Gemeinde Steinhausen bei Wismar die Chance erhielt, in seinen urspr\u00fcnglichen Beruf zur\u00fcck zu kehren, entsagte er jeglicher gesellschaftlichen Bet\u00e4tigung. Vier Jahre sp\u00e4ter wurde ihm eine idyllisch gelegene eigene Sch\u00e4ferei in der N\u00e4he der K\u00fcste angeboten,&nbsp; wo er sich mit seiner Familie niederlie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang der 70er Jahre ereignete sich in unmittelbarer N\u00e4he seines Eigenheims in K\u00e4gsdorf bei K\u00fchlungsborn ein Verkehrsunfall, bei dem ein Autofahrer in die Schafherde raste. Noch am selben Abend erkundigte sich bei ihm ein bis dahin unbekannten Mann nach der H\u00f6he des entstandenen Schadens. Dabei handelte es sich um den Politoffizier der in K\u00fchlungsborn stationierten 6. Grenzkompanie.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Monate nach dieser ersten Begegnung suchte der Offizier den Sch\u00e4fer erneut auf. Nachdem er sich inzwischen \u00fcber seinen Werdegang informiert hatte, stellte er Udo Bloeck die Frage, ob er sich vorstellen k\u00f6nnte, die Arbeit der Grenzorgane im Rahmen seiner beruflichen T\u00e4tigkeit zu unterst\u00fctzen. Der Sch\u00e4fer erkl\u00e4rte sich bereit, als Informant der Grenztruppen zu arbeiten und erhielt von nun an h\u00e4ufiger unangemeldeten \u201eBesuch\u201c von einem entweder in Uniform oder Zivil auftretenden Verbindungsoffizier, der sich nach \u201ebesonderen Vorkommnissen\u201c erkundigte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zusammenarbeit mit den Grenztruppen bestand auch dann noch fort, als Udo Bloeck nicht mehr als Sch\u00e4fer in K\u00e4gsdorf, sondern als Nachtpf\u00f6rtner in einem parteieigenen Feriendomizil in K\u00fchlungsborn seinen Lebensunterhalt bestritt. Mit der Stationierung einer Fliegerabwehr-Raketenabteilung in K\u00e4gsdorf Mitte der 70er Jahre hatte die Kreisdienststelle f\u00fcr Staatssicherheit verf\u00fcgt, dass im Umkreis des Milit\u00e4robjektes keine Schafe mehr grasen d\u00fcrfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit dem Bau der geheimen Bunkeranlage erinnerte sich Udo Bloeck an eine kuriose Begebenheit: Als er eines Abends mit seinem Moped in Richtung Bastorf fuhr, fiel ihm ein merkw\u00fcrdiges Blinken auf, das aus dem Inneren einer am Feldweg gelegenen Strohmiete zu kommen schien. Irritiert durch diesen Anblick kehrte er noch einmal zur\u00fcck, um sich an Ort und Stelle zu vergewissern, ob es sich um eine Sinnest\u00e4uschung gehandelt hatte. Beim erneuten Vorbeifahren stellte er fest, dass das Blinken anhielt. Daraufhin stellte er seine \u201eSchwalbe\u201c ab und kletterte auf die Strohmiete. Als er dabei registrierte, dass diese einen Hohlraum enthielt, entfernte er das dar\u00fcber liegende Stroh, unter dem sich zwei Personen in Tarnuniform befanden. Blitzschnell packte er einen von ihnen am Kragen und herrschte ihn an, was sie hier trieben. Erst nachdem die beiden \u00fcberrumpelten M\u00e4nner sich als Sicherheitskr\u00e4fte zu erkennen gaben, lie\u00df der aufmerksame Grenzhelfer von ihnen ab. Das verd\u00e4chtige Blinken r\u00fchrte offenbar von ihrem Nachtsichtger\u00e4t her, dessen rotes Laserlicht nach au\u00dfen gedrungen war.<\/p>\n\n\n\n<p>An seinem neuen Arbeitsplatz im K\u00fchlungsborner Erwin-Fischer-Heim erhielt der Vater von vier Kindern h\u00e4ufig \u201eBesuch\u201c vom zust\u00e4ndigen Abschnittsbevollm\u00e4chtigten der Volkspolizei (ABV), mit dem er sich sowohl \u00fcber Dienstliches als auch Privates austauschte. Im Unterschied zu den anderen Zivilhelfern der 6. Grenzkompanie, die ihren Dienst nur einmal monatlich zu zweit versehen mussten, unternahm er seine Erkundungsg\u00e4nge t\u00e4glich und stets allein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders an den Lehrern unter den Grenzhelfern l\u00e4sst Udo Bloeck im Nachhinein \u201ekein gutes Haar\u201c. Mit ihrer freiwilligen Verpflichtung w\u00e4ren sie lediglich den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, um an den Schulen nicht mit anderen zeitaufw\u00e4ndigeren gesellschaftlichen Auftr\u00e4gen behelligt zu werden. Auf ihren Rundg\u00e4ngen h\u00e4tten sie sich vor allem Witze erz\u00e4hlt und ihre eigentlichen \u201ePflichten\u201c nicht ernst genommen. F\u00fcr ihn selbst war es \u201edas Schlimmste\u201c gewesen, zusammen den anderen Grenzhelfern einmal j\u00e4hrlich zum Schie\u00dfen gehen zu m\u00fcssen. Den einfachen Nachtpf\u00f6rtner h\u00e4tten die P\u00e4dagogen meist von oben herab behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen Alltag als Grenzhelfer beschreibt Udo Bloeck wie folgt: Nach der n\u00e4chtlichen Schlie\u00dfung der meisten Lokale gegen 0.30 Uhr hatte er regelm\u00e4\u00dfig seinen Tresen im Erwin-Fischer-Heim verlassen, um nach einen Rundgang um das Haus den ihn zugewiesenen Strandabschnitt zwischen Konzergarten West und Krankenhaus zu inspizieren. Dabei f\u00fchrte der Nachtpf\u00f6rtner stets einen so genannten GMR-H\u00f6rer mit sich, mit dem er im Bedarfsfall eine Sprechverbindung zur Kompanie herstellen konnte. Dazu musste das mobile Ger\u00e4t per Adapter mit einem der eigens daf\u00fcr in Ufern\u00e4he aufgestellten Fernmeldemasten verbunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend seiner Runden hatte er h\u00e4ufig Liebespaare aufgesp\u00fcrt, die er jedoch unbehelligt lie\u00df. Von anderen Jugendlichen jedoch, die mit ihrem Gep\u00e4ck im Strandkorb sa\u00dfen, hatte er sich jedoch die Dokumente zeigen lassen und ihnen klargemacht, dass es nicht statthaft sei, sich w\u00e4hrend der Dunkelheit am Ufer aufzuhalten. Um sich \u201eUnannehmlichkeiten\u201c zu ersparen, sollten sie sich lieber in den Stadtwald begeben und auf den dortigen Parkb\u00e4nken kampieren. Manchmal verwies er die Hilfesuchenden an einem ihm bekannten Pastor, der f\u00fcr derartige Notlagen seine Garage als Schlafplatz zur Verf\u00fcgung stellte. Auf die ungew\u00f6hnliche Kooperation mit dem Geistlichen war Udo Bloeck seiner Aussage nach selbst gekommen, nachdem er einmal den Auftrag erhalten hatte, dessen Schafe in der Garage zu scheren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er bei seinen Kontrollen auf parkende Autos stie\u00df, in denen Insassen n\u00e4chtigten, machte er diese darauf aufmerksam, dass sie \u201egegen die Ordnung und Sicherheit im Grenzgebiet\u201c verstie\u00dfen. Sofern die Betroffenen ihm glaubhaft machen konnten, dass sie um diese Zeit keine andere Bleibe f\u00e4nden, erteilte er ihnen den Ratschlag, bei k\u00fcnftigen Kontrollen anzugeben, dass sie infolge Alkoholgenuss fahrunt\u00fcchtig w\u00e4ren. Den ungew\u00f6hnlich laxen Umgang mit den strengen Vorschriften erkl\u00e4rte der heutige Rentner damit, dass er als einziger Grenzhelfer das \u201ePrivileg\u201c besessen h\u00e4tte, nicht von einem anderen Mitl\u00e4ufer kontrolliert worden zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, ob er jemals einen Fl\u00fcchtigen \u00fcberf\u00fchrt h\u00e4tte, verneinte er. An einem Sommerabend w\u00e4re ihm allerdings etwas Ungew\u00f6hnliches passiert. Mit dem Fahrrad unterwegs auf einem Feldweg zu seinen Arbeitsplatz nach K\u00fchlungsborn waren ihm zwei junge M\u00e4nner aufgefallen. Einer der beiden f\u00fchrte einen Karton mit sich, der andere eine Art Blumentopf. In der Annahme, dass es sich um harmlose Jugendliche auf dem Weg zu einer Jugendweihefeier handelte, radelte er jedoch seelenruhig weiter. Bei einem Anruf der Grenzkompanie am n\u00e4chsten Tag stellte sich jedoch heraus, dass sich im Karton ein Schlauchboot befunden hatte, mit dem die beiden nach Anbruch der Dunkelheit einen erfolglosen Fluchtversuch unternommen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Befragt nach eventuellen Vorteilen, die mit seiner Grenzhelfert\u00e4tigkeit verbunden gewesen w\u00e4ren, erinnert er sich daran, auf einer feierlichen Jahresauswertung in der Kompanie mit dem \u201eLeistungsabzeichen der Grenzhelfer\u201c sowie einer Geldpr\u00e4mie ausgezeichnet worden zu sein. Bei anderer Gelegenheit sei er zusammen mit seiner Frau von den Grenztruppen zu einem \u201ePrasdnik\u201c (russisch: Feier) deutscher und sowjetischer Offiziersfamilien in Meschendorf eingeladen worden. Als viel n\u00fctzlicher h\u00e4tte sich allerdings in einer konkreten Situation der Grenzhelferausweis erwiesen. Nach einem Nachtdienst hatte er anschlie\u00dfend Alkohol konsumiert. Auf dem Heimweg mit dem Moped geriet er in eine Polizeikontrolle. Als er dem Polizisten anstelle des verlangten Personaldokuments den Grenzhelferausweis zeigte, lie\u00df dieser ihn seine \u201eKontrollfahrt\u201c unbehelligt fortsetzen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte der 80er Jahre gab Udo Bloeck nicht nur seinen Grenzhelferausweis zur\u00fcck, sondern auch sein Parteidokument. Die Ursachen f\u00fcr die Einstellung seiner Aktivit\u00e4ten waren aber nicht politischer, sondern pers\u00f6nlicher Natur. Der stets einsatzbereite Grenzhelfer hatte &#8211; einem Auftrag seines Verbindungsoffiziers folgend &#8211; einen verd\u00e4chtig erscheinenden Autofahrer und dessen Fahrzeug kontrolliert. Als Grenzhelfer war er berechtigt, derartige Kontrollen vorzunehmen. Da sich aus seiner Warte keinerlei Verdachtsmomente ergaben, verabschiedete er sich und lie\u00df das Fahrzeug weiter fahren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Parteimitglied aus der Nachbarschaft, der Zeuge dieser Szene geworden war, beschwerte sich \u00fcber die vermeintliche Kompetenzanma\u00dfung des Nachtpf\u00f6rtners. Der von der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit seines Handelns \u00fcberzeugte Grenzhelfer erfuhr von dem Vorwurf und brachte durch hartn\u00e4ckiges Nachfragen die Person des Beschwerdef\u00fchrers in Erfahrung. Da ihm keinerlei M\u00f6glichkeit einger\u00e4umt wurde, seinen Standpunkt darzulegen, brachte er die Angelegenheit auf der Jahresversammlung der Grenzhelfer erregt zur Sprache. Als er darauf keine befriedigende Antwort seiner Auftraggeber erhielt, verk\u00fcndete er das Ende seiner Grenzhelfert\u00e4tigkeit. Von diesem Zeitpunkt an \u2013 so Udo Bloeck \u2013 \u201ehaben sich alle Genossen, die mich als Grenzhelfer [\u2026] kannten, nicht mehr gekannt\u201c. Er f\u00fchlte sich pl\u00f6tzlich \u201ewie ein Auss\u00e4tziger\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem Schl\u00fcsselerlebnis, in dessen Folge Bloeck einen psychischen Zusammenbruch erlitt, sah er sich Mobbing an seinem Arbeitplatz ausgesetzt. Um seinen Unmut dar\u00fcber Ausdruck zu verleihen, legte er w\u00e4hrend einer Betriebsparteiversammlung demonstrativ sein SED-Dokument auf den Tisch. Auf diese Weise hoffte er, die parteieigene Zentrag (Zentrale Druckerei-, Einkaufs- und Revisionsgesellschaft mbH), zu der auch das Erwin-Fischer-Heim geh\u00f6rte, zu veranlassen, sich mit ihm auseinander zu setzen. Laut Udo Bloeck ging \u201edieser Schuss\u201c jedoch \u201enach hinten los\u201c. Obwohl es einen Parteiaustritt laut Statut nicht gab, lie\u00df man ihn einfach ziehen. Als Parteiloser wurde er nicht mehr l\u00e4nger im Betrieb geduldet, so dass er in Wendelstorf eine Stelle als Heizer annahm, die er bis zur Wende innehatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher der Meinung, die SED sei eine \u201ePartei des Volkes\u201c, \u201edie im Grunde genommen alles richtig macht\u201c, hatte er nun schmerzlich erkannt, dass \u201edem aber nicht so war\u201c. Trotz dieser Einsicht identifiziert sich Udo Bloeck noch heute \u201eaus sozialen Gr\u00fcnden\u201c mit der DDR und h\u00e4lt den Mauerbau 1961 f\u00fcr legitim: \u201eWir haben hier Ingenieure ausgebildet und Zahn\u00e4rzte, die hier auf Kosten der Arbeiter nach dr\u00fcben gegangen sind.\u201c Mit dem strengen Grenzregime habe der Staat auch auf bewaffnete \u00dcberf\u00e4lle und Brandanschl\u00e4ge \u201ewestlicher Agenten\u201c reagiert, die in den 50er Jahren an der Tagesordnung gewesen seien. Sein pers\u00f6nlicher Einsatz als Grenzhelfer sei nicht sinnlos gewesen, da er auf diese Weise Jugendliche \u201evor dem Unsinn bewahren\u201c konnte, ihr Leben durch eine Flucht \u00fcber die Ostsee aufs Spiel zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Doebler.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-97\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Doebler.jpg 1000w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Doebler-300x225.jpg 300w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Doebler-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Dr. Doebler, Peter<\/h3>\n\n\n\n<p>fl\u00fcchtete 1971 schwimmend \u00fcber die Ostsee<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 22. Juli 2007 in Rostock<\/li><li>D\u00f6bler, Peter: Ich schwamm in die Freiheit, in: Das Beste aus Reader\u2019s Digest, Nr. 7\/1972, S. 35 ff.<\/li><li>Zeitgen\u00f6ssische Zeitungsberichte&nbsp;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Peter D\u00f6bler, Jahrgang 1940, wuchs in seiner Geburtsstadt Rostock auf. Nach dem erfolgreich bestandenen Abitur 1958 bem\u00fchte sich er sich um die Zulassung zum Medizinstudium. Da der getrennt von der Familie lebende Vater als selbstst\u00e4ndiger Wirtschaftspr\u00fcfer t\u00e4tig war, blieb ihm die Aufnahme an der Universit\u00e4t jedoch verwehrt. Die Hochschulpolitik der SED zielte auf die F\u00f6rderung von \u201eArbeiter- und Bauernkindern\u201c, so dass die Herkunft aus einem b\u00fcrgerlichen Elternhaus grunds\u00e4tzlich schwerer wog als eine gute Abiturnote. An dieser Bewertung hatten D\u00f6blers Mitgliedschaft in der Pionierorganisation und sp\u00e4ter in der FDJ sowie sein dort nachgewiesenes \u201egesellschaftliche Engagement\u201c auch nichts zu \u00e4ndern vermocht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erst als der Vater im Sommer 1959 verstarb und der Sohn danach einen zweiten Bewerbungsversuch unternahm, erhielt er endlich einen Studienplatz. Da seine Mutter als Angestellte der staatlichen Handelsorganisation arbeitete, entstammte er nach offizieller Lesart nunmehr der Arbeiterklasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser positiven Wendung gab die vormalige Abweisung dem Studenten zu denken. Wieso hatte man ihn zuvor f\u00fcr einen Umstand abgestraft, den er nicht selbst zu verantworten hatte? Ebenso emp\u00f6rten ihn auch die politisch motivierten Einschr\u00e4nkungen im Alltag. Als begeisterter Angler, der seinen Vater bereits im Alter von f\u00fcnf Jahren zum Fischen aufs Meer begleitet hatte, machte ihm insbesondere das Verbot des individuellen Bootsverkehrs auf der Ostsee zu schaffen. Weitere Auseinandersetzungen mit derartigen Themen f\u00fchrten schlie\u00dflich dazu, dass sich aus einem politischen Mitl\u00e4ufer mehr und mehr ein Kritiker der herrschenden Verh\u00e4ltnisse entwickelte. Zun\u00e4chst verbarg er jedoch seine innere Unruhe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Ende seines Grundstudiums und der Gr\u00fcndung einer eigenen Familie 1966 fand der angehende Chirurg zun\u00e4chst keine freie Stelle auf einer chirurgischen Station. Nach kurzer Assistenzzeit auf der Insel R\u00fcgen kehrte er schlie\u00dflich nach Rostock zur\u00fcck, um als Schiffsarzt an Bord eines Fischfang- und Verarbeitungsschiffes den Nordatlantik zwischen Island und Neufundland zu befahren. Obwohl er dabei mehrfach die Gelegenheit gehabt hatte, die DDR zu verlassen, f\u00fchlte er sich gegen\u00fcber seiner Familie verantwortlich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich fand Peter D\u00f6bler eine Stelle als Chirurgieassistent in der Rostocker S\u00fcdstadtklinik, einem der modernsten Krankenh\u00e4user der DDR. Im Kreise seiner Kollegen machte er aus seiner kritischen Haltung gegen\u00fcber dem politischen System immer weniger einen Hehl. So vertrat er in einer Diskussion zum Vietnam-Kieg den Standpunkt, dass man politisch \u201enicht mit zweierlei Ma\u00df messen\u201c d\u00fcrfe: \u201eWenn die Amerikaner aus Vietnam raus sollen, dann m\u00fcssen die Russen auch raus aus der Tschechoslowakei!\u201c Auf einer Betriebsveranstaltung, bei der das Kollegium aufgefordert worden war, sich zu verpflichten, keine westlichen Fernseh- und Rundfunksendungen mehr zu h\u00f6ren, meinte er: \u201eWenn ich klassische Musik im Radio h\u00f6re, dann frage ich nicht, von welchem Sender die kommt, sondern ob sie mir gef\u00e4llt oder nicht.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens nach der Weigerung, Gewerkschaftsmitglied zu werden, sp\u00fcrte der junge Mediziner, wie seinem weiteren beruflichen Fortkommen Steine in den Weg gelegt wurden. Obwohl er f\u00fcr seine Facharztausbildung bestimmte Zeiten in der Bauch- und Allgemeinchirurgie h\u00e4tte nachweisen m\u00fcssen, lie\u00df man ihn fast ausschlie\u00dflich in der Unfallchirurgie arbeiten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich Anfang 1970 f\u00fcr ihn abzeichnete, dass er die Facharztpr\u00fcfung nicht rechtzeitig ablegen und damit auch kein Chirurg werden k\u00f6nnte, wandte sich D\u00f6bler Hilfe suchend an seinen Vorgesetzten. Seine Bem\u00fchungen blieben jedoch vergebens. Zu den beruflichen Schwierigkeiten kamen \u00fcberdies famili\u00e4re Spannungen hinzu, die daher r\u00fchrten, dass dem jungen Paar auch nach mehreren Jahren keine eigene Wohnung zugewiesen wurde. Als die noch junge Ehe schlie\u00dflich scheiterte, gab es f\u00fcr den 30-j\u00e4hrigen Assistenzarzt keinen Grund mehr, l\u00e4nger in der DDR zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die waghalsige Entscheidung, die Ostsee schwimmend in Richtung Fehmarn zu \u00fcberqueren, fiel dabei recht fr\u00fch. Die Gefahr, von See aus entdeckt und erschossen zu werden, sch\u00e4tzte der furchtlose Rostocker als gering ein. Aufgrund der intensiven Bewachung der L\u00fcbecker Bucht durch die Grenztruppen der DDR wollte er seine Flucht allerdings nicht von Boltenhagen, sondern dem weiter entfernt gelegenen K\u00fchlungsborn aus starten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Furcht vor den Unbilden des Meeres war dem durchtrainierten Rostocker immer fremd gewesen. Bereits von Kindesbeinen an war er ein ausgezeichneter Schwimmer. Schon im Alter von zehn Jahren war er problemlos l\u00e4ngere Strecken geschwommen. Da er w\u00e4hrend der Semesterferien schwere k\u00f6rperliche Arbeit im Fischkombinat leistete, um sich etwas zum Stipendium hinzuzuverdienen, verf\u00fcgte er auch als Student \u00fcber eine gro\u00dfe physische Belastbarkeit. Als Schiffsarzt verbrachte er die Freizeit an Bord, um seinen K\u00f6rper durch ein intensives Krafttraining zu st\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Vorbereitung seiner Flucht lie\u00df er sich aus der Bundesrepublik einen Neopren-anzug schicken, mit dem er l\u00e4ngere Wasserwege zur\u00fccklegte, z.B. von K\u00fchlungsborn nach Warnem\u00fcnde. Selbst w\u00e4hrend des Winters st\u00fcrzte er sich in die eiskalten Fluten, um seinen K\u00f6rper abzuh\u00e4rten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1971 sollte es endlich soweit sein! Um die Situation vor Ort zu erkunden, hatte Peter D\u00f6bler extra seinen Jahresurlaub genommen. Als Angler getarnt, erkundete er geeignete Fluchtstellen und beobachtete die Grenzsoldaten bei ihren n\u00e4chtlichen Kontrollg\u00e4ngen. Mithilfe eines Fernglases stellte er zudem fest, dass die Flutlichtscheinwerfer, die w\u00e4hrend der Dunkelheit die Meeresoberfl\u00e4che ableuchteten, vor allem zur Einsch\u00fcchterung dienten. Trotz der beachtlichen Reichweite lie\u00dfen sich bei m\u00e4\u00dfig bewegter See keine n\u00e4heren Einzelheiten auf der Ostsee ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wind und Wetter schienen dem Rostocker Arzt \u00fcber l\u00e4ngere Zeit einen Strich durch die Rechnung zu machen. Da sich die von ihm lang ersehnte Wetterlage &#8211; Hochdruckeinfluss und S\u00fcd-Ost-Wind &#8211; erst nach Ablauf des Urlaubes einstellen sollte, meldete er sich bei seinem Arbeitgeber telefonisch krank.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag des 25. Juli brach er mit einem Seesack nach K\u00fchlungsborn-Ost auf, in dem er neben den Angelutensilien seine Taucherausr\u00fcstung und s\u00e4mtliche notwendigen Papiere verstaut hatte. Auf dem Bahnhof brachte er einen Koffer zur Aufbewahrung, der wichtige pers\u00f6nliche Dinge enthielt, die dem Zugriff der Staatsmacht entzogen bleiben sollten. Seiner ahnungslosen Mutter sandte er einen Brief, in dessen Umschlag sich auch der Gep\u00e4ckschein und der Kofferschl\u00fcssel befanden. In dem Schreiben teilte er der Mutter mit, dass sie im Falle des Gelingens seiner Flucht werde in den n\u00e4chsten Tagen ein Gl\u00fcckwunschtelegramm erhalten w\u00fcrde. Daraufhin sollte sie sich nach K\u00fchlungsborn begeben, um den Koffer abzuholen. Erst nach dem Eintreffen eines zweiten Telegramms k\u00f6nnte sie ihrer \u201estaatsb\u00fcrgerlichen Pflicht\u201c gen\u00fcge tun und die Flucht des Sohnes melden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Einsetzen der D\u00e4mmerung machte er sich au\u00dferhalb des Ortes in Richtung Heiligendamm auf den Weg. Zu seinem gro\u00dfen Entsetzen tauchten pl\u00f6tzlich zwei Volkspolizisten vor ihm auf, die ihn aufforderten, sich auszuweisen. Mit einem geschickten Griff seiner Hand fuhr er in den Seesack, zerriss unbemerkt den Zellophanbeutel, der das Personaldokument wasserdicht umschlossen hatte und \u00fcberreichte es den Kontrolleuren. Auf deren Frage, mit welchem Zug er angereist sei und mit welchem er am n\u00e4chsten Morgen zur\u00fcckzufahren gedenke, fiel ihm zu seinem Gl\u00fcck die richtige Antwort ein. Daraufhin verabschiedeten sich die beiden Uniformierten wieder und zogen weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dieser nervenaufreibenden Erfahrung war Peter D\u00f6bler psychisch nicht mehr in der Lage, seinen Plan wie vorgesehen umzusetzen. Nachdem er sich noch am selben Abend mit einem Taxi nach Rostock hatte zur\u00fcck bringen lassen, fuhr er am Mittag des darauf folgenden Tages erneut nach K\u00fchlungsborn. Diesmal traf er spontan die Entscheidung, bereits am fr\u00fchen Abend &#8211; also noch vor Einbruch der Dunkelheit und dem Beginn der n\u00e4chtlichen Kontrollstreifen &#8211; einen zweiten Anlauf f\u00fcr sein Vorhaben zu unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder suchte er sich daf\u00fcr eine Stelle au\u00dferhalb K\u00fchlungsborns aus, die sich nicht in unmittelbarer Sichtweite des dortigen Beobachtungsturms befand. Am sp\u00e4ten Nachmittag begab er sich an den Strand, um die Lage vor Ort zu sondieren. Gegen 17.00 Uhr &#8211; die meisten Badeg\u00e4sten waren bereits aufgebrochen &#8211; begab er sich ins Wasser. Obwohl er bereits Teile seiner Taucherausr\u00fcstung sowie ein schweres B\u00fcndel mit trug, schien ihn niemand weiter zu beachten. Das B\u00fcndel, welches den Rest des Neoprenanzugs, sieben Kilo Tauchgewichte und einige pers\u00f6nliche Dinge beinhaltete, trug er auf eine Sandbank hinaus, lie\u00df es dort untergehen und pr\u00e4gte sich die Stelle ein. Dann schwamm er, um nicht aufzufallen, eine Weile hin und her und beobachtete das Ufer. Als eine Stunde sp\u00e4ter auch die letzten Menschen am Strand verschwunden waren, kehrte er unbemerkt zur Sandbank zur\u00fcck, legte sich unter Wasser die restlichen Teile seiner Ausr\u00fcstung an, zu der neben Schwimmflossen auch selbstgebaute kellenartige&nbsp; Schwimmhilfen f\u00fcr die H\u00e4nde geh\u00f6rten. Zus\u00e4tzlich sorgte ein Bleig\u00fcrtel f\u00fcr eine optimale Lage unterhalb der Wasseroberfl\u00e4che. An seinen Handgelenken trug er eine wasserdichte Uhr mit Leuchtziffern und einen bei Milit\u00e4rkampfschwimmern gebr\u00e4uchlichen Unterwasserkompass.<\/p>\n\n\n\n<p>Um f\u00fcr eventuelle Notf\u00e4lle gewappnet zu sein, f\u00fchrte Peter D\u00f6bler einen aufblasbaren Rettungsring mit sich und eine Rolle Klebeband, um Sch\u00e4den zu reparieren. Des Weiteren hatte er im Anzug seine Ausweispapiere, 50 DDR-Mark und mehrere Schokoladentafeln wasserdicht verstaut sowie ein R\u00f6hrchen mit Amphetaminen, deren aufputschende Wirkung er bereits im Selbsttest erkundet hatte. Nachdem er sich gr\u00fcndlich vergewissert hatte, dass keinerlei Beobachtungsposten in der N\u00e4he waren, entfernte er sich langsam vom Ufer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Alles verlief nach Plan: Pro Stunde legte Peter D\u00f6bler eine Wasserstrecke von zwei Kilometern zur\u00fcck. W\u00e4hrend der ersten f\u00fcnf bis sechs Stunden seiner Flucht schwamm er geradeaus nach Norden. Erst als der Abstand zur K\u00fcstenlinie zehn bis zw\u00f6lf Kilometer betrug, wandte er sich seinem eigentlichen Ziel in westlicher Richtung zu. Im Wasser bewegte er sich ohne Hast, nahm h\u00e4ufige Bewegungswechsel vor und schwamm zeitweilig auch in bequemer R\u00fcckenlage. Die unterwegs eingenommenen Tabletten z\u00fcgelten nicht nur seinen Appetit, sie entfalteten auch eine stimulierende Wirkung, die ihn davor bewahrte, physisch oder psychisch einen Tiefpunkt zu erleiden. Sie versetzten den Fl\u00fcchtenden in eine derart euphorische Stimmung, dass er gelegentlich Lieder vor sich hin summte. Um seine Kraftreserven aufzufrischen, verzehrte er von Zeit zu Zeit ein St\u00fcck Schokolade.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine au\u00dferordentliche gute Stimmung hielt lange vor. In der Nacht orientierte er sich an den Gestirnen des Himmels, am Tag vor allem am Stand der Sonne. Gegen 4.30 Uhr morgens erreichte schlie\u00dflich er den F\u00e4hrweg von Travem\u00fcnde nach Trelleborg, wurde von der Mannschaft eines vorbeifahrenden Schiffes aber nicht bemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich nach \u00fcber 20 Stunden auf See endlich die Umrisse des Leuchtturms von Staberhuk abzuzeichnen begannen, zog allerdings ein Gewitter auf, das von starken Westwinden begleitet wurde, die ein Weiterkommen enorm erschwerten. Als erfahrener Schwimmer wusste Peter D\u00f6bler sich aber zu helfen, indem er unterhalb der Wellen weiter schwamm.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Kilometer vom Ufer entfernt \u201efischte\u201c ihn schlie\u00dflich ein einheimisches Sportboot auf, dessen Besitzer ihn mit dem N\u00f6tigsten ausstattete. Sp\u00e4ter meldete er sich bei der n\u00e4chstgelegenen Polizeistation. Von dort aus reiste er noch am selben Tag zu seinen in Kiel lebenden Verwandten. Erst nachdem der er von Kiel aus Kontakt zu seiner Mutter aufgenommen hatte, berichteten die Zeitungen \u00fcber den spektakul\u00e4ren Fluchtversuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dank des \u00fcppigen Honorars, das er von einem Boulevardblatt f\u00fcr ein Exklusivinterview erhalten hatte sowie seiner dadurch gewonnenen Popularit\u00e4t gelang es Peter D\u00f6bler, beruflich sehr schnell Fu\u00df zu fassen. Bereits dreieinhalb Wochen nach seiner Ankunft erhielt er eine Anstellung an der Kieler Universit\u00e4tsklinik. Sein urspr\u00fcngliches Ziel, als Chirurg zu arbeiten, gab er auf, um sich in Hamburg zum Urologen ausbilden zu lassen. Dort \u00fcbernahm er die Praxis eines Kollegen, die er zun\u00e4chst allein, sp\u00e4ter zusammen mit einem Partner weiterf\u00fchrte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Republikfl\u00fcchtling blieb dem inzwischen promovierten Mediziner eine Einreise in die DDR eigentlich verwehrt. Im Rahmen von Transitreisen, die ihn von L\u00fcbeck aus \u00fcber Rostock nach Gedser f\u00fchrten, war es ihm aufgrund vertraglicher Bindungen der DDR dennoch m\u00f6glich, sich von Zeit zu Zeit heimlich mit Verwandten und Freunden zu treffen. Anl\u00e4sslich einer seltenen Tumorerkrankung seines leiblichen Sohnes 1987 wurde ihm sogar offiziell ein kurzer Aufenthalt in seiner Heimatstadt gestatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alter von 54 Jahren fasste er den Entschluss, sich in Zukunft st\u00e4rker seinem Hobby zuzuwenden. Als passionierter Hochseeangler hatte Peter D\u00f6bler bereits an vielen K\u00fcsten der Welt gefischt: auf den Azoren, Mauritus, Ostafrika und Australien. 1995 verlagerte er seinen Wohnsitz auf die Kapverdischen Inseln, um&nbsp; im Tourismusgesch\u00e4ft als Lodgemanager und Bootskapit\u00e4n zu arbeiten. Hier lernte er seine sp\u00e4tere zweite Ehefrau kennen, mit der er inzwischen ein gemeinsames Kind hat. Seit 2007 ist die Familie in Deutschland zu Haus<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/drafehn-boot-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-98\" width=\"342\" height=\"512\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/drafehn-boot-683x1024.jpg 683w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/drafehn-boot-200x300.jpg 200w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/drafehn-boot-768x1152.jpg 768w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/drafehn-boot.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 342px) 100vw, 342px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Draffehn, Klaus<\/h3>\n\n\n\n<p>unternahm 1962 einen Fluchtversuch<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 10. Juli 2007 in Rostock&nbsp;<\/li><li>Kopien von BStU-Dokumenten aus Privatbesitz<\/li><li>Pers\u00f6nliche Dokumente von Klaus Draffehn<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Klaus Draffehn kam unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als Sohn des Wehrmachtshauptmanns Rudolf Draffehn und seiner Ehefrau Dorothea im mecklenburgischen Seebad Rerik auf die Welt. Erst einige Jahre zuvor hatten sich die Eheleute an der Ostseek\u00fcste kennen gelernt. Der aus Flechtingen (Kreis Haldensleben) stammende Vater war ans n\u00f6rdliche Ende des Salzhaffs kommandiert worden, um am Aufbau der Flakschule auf der Halbinsel Wustrow mitzuwirken. In K\u00fchlungsborn traf er auf seine sp\u00e4tere Frau, deren Vater, ein angesehener Arzt aus Berlin, hier seinen Wochenendsitz hatte. Als dieser 1943 starb, lie\u00df sich die Familie hier nieder.<\/p>\n\n\n\n<p>1947 kehrte Rudolf Draffehn aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft zur\u00fcck. Um einer Verhaftung durch die sowjetische Milit\u00e4rverwaltung zu entgehen, begab er sich noch am selben Tag wieder nach Westdeutschland. Seine Frau, die das neu erworbene Grundst\u00fcck nicht aufgeben wollte, blieb mit den drei Kindern &#8211; dem \u00e4lteren Sohn Peter sowie den ein Jahr sp\u00e4ter geborenen Zwillingen Klaus und Brigitte &#8211; zur\u00fcck. W\u00e4hrend sich Rudolf Draffehn zun\u00e4chst als Buchhalter durchschlug, um sich sp\u00e4ter ganz der T\u00e4tigkeit als Seelsorger zuzuwenden, betrieb seine geschiedene Frau auf dem geerbten Grundst\u00fcck eine kleine G\u00e4rtnerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Beendigung der achtj\u00e4hrigen Grundschule 1954 begann Klaus Draffehn eine dreij\u00e4hrige Lehre in einem privaten G\u00e4rtnereibetrieb, um anschlie\u00dfend bei der Mutter zu arbeiten. 1960 gab Dorothea Draffehn den Betrieb auf, worauf der Sohn in der G\u00e4rtnerei von August Kla\u00adsen t\u00e4tig wurde. Durch die Zugeh\u00f6rigkeit zu einem Privatbetrieb blieben dem jungen Mann die \u00fcblichen politischen Zumutungen, z.B. die Mitgliedschaft im Staatsjugendverband FDJ, erspart.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ihn nach dem Mauerbau zwei Werber der Nationalen Volks\u00adarmee an seinem Arbeitsplatz aufsuchten, um ihn \u201emit Zuckerbrot und Peitsche\u201c zum \u201efreiwilligen\u201c Dienst in einem der neu aufgestellten \u201eFDJ-Regimenter\u201c zu bewegen, lehnte er dies ab. Daraufhin erhielt der sich selbst als \u201eSturkopf\u201c bezeichnende Klaus Draffehn noch am selben Tag eine polizeiliche Vorladung ins Rat\u00adhaus. Dort wurde er zusammen mit ca. 14 Gleichaltrigen vom fr\u00fchen Abend bis in die fr\u00fchen Morgenstunden hinein festgehalten. Einem der Jugendlichen gelang es, sich dieser N\u00f6tigung durch einen Sprung aus einem Toilettenfenster zu entziehen. Die an\u00adderen Heranwachsenden wurden verh\u00f6rartigen Einzelbefragungen unterzogen, bei sie man sie sogar n\u00f6tigte, in eine starke Lichtquelle zu schauen. Neben dem K\u00fchlungsborner B\u00fcrgermeister waren dabei noch andere z.T. uniformierte Staatsdiener zugegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz massiver Erpressungsversuche lie\u00df sich Draffehn in seiner Haltung nicht beirren. Als die Vernehmer schlie\u00dflich von ihm ablie\u00dfen, legten sie ihm eine vorgefertigte Erkl\u00e4rung zur Unterschrift vor, in der er sich selbst bezichtigten sollte, die \u201esozialistischen Errungenschaften\u201c nicht verteidigen zu wollen. Vor den Schriftzug seines Namens setzte er das K\u00fcrzel \u201eu.D.\u201c, um kenntlich zu machen, dass er unter Druck gesetzt worden war. Erst gegen 4.30 Uhr konnte er das Rathaus wieder verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem einschneidenden Erlebnis bef\u00fcrchtete der junge Mann negative Kon\u00adsequenzen f\u00fcr sich und sein weiteres Leben. Den Blick h\u00e4ufig in Richtung Ostsee ge\u00adrichtet, auf dem er bis zum Mauerbau noch ausgedehnte Bootstouren unternommen hatte, reifte der Plan zur Flucht \u00fcber das Wasser. Best\u00e4rkung erfuhr er dabei durch den aus Dessau stammenden Studenten Hans-J\u00fcrgen Dreyer, den er im Sommer 1962 zuf\u00e4llig beim Volleyballspielen am Strand kennen gelernt hatte. Gemeinsam fassten sie den Entschluss, mit dem Paddelboot nach Gedser zu fl\u00fcchten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am sp\u00e4ten Abend des 4. September, gegen 22.00 Uhr, brachen die beiden jungen M\u00e4nner ohne gro\u00dfe Vorbereitungen auf. Obwohl ihnen in der N\u00e4he des K\u00fchlungsborner Zeltplatzes mehrere Personen begegneten, denen das mitgef\u00fchrte Paddelboot durchaus verd\u00e4chtig erscheinen musste, kam ihnen nicht der Gedanke, umzukehren. Ungehindert am Ufer angelangt, bestiegen sie das Boot und stachen in See.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem offenen Meer kamen jedoch starke Winde auf, die das kleine Boot vom eingeschlagenen Kurs abtrieben. Als sich an den H\u00e4nden des Studenten schmerzhafte Blasen zu bilden begannen und schlie\u00dflich beide Insassen die Kr\u00e4fte verlie\u00dfen, \u00e4nderten sie ihren Kurs in Richtung Westen. Da sie eine Verschnaufpause ben\u00f6tigten, entschlossen sie sich, die Insel Poel anzusteuern, um nach kurzem Aufenthalt weiter nach Fehmarn zu paddeln. Gegen 5.00 Uhr landeten sie nahe der Ortschaft Gollwitz, wo ihnen zwei Grenzsoldaten begegneten. Dieses Zusammentreffen blieb jedoch ohne Folgen. Warum die Kontrolleure angesichts der eindeutigen Hinweise die Jugendlichen in Ruhe lie\u00dfen, erscheint aus heutiger Perspektive unverst\u00e4ndlich. Da Klaus Draffehn einen der beiden aus K\u00fchlungsborn kannte, mochte dieser vielleicht keinen Verdacht gesch\u00f6pft oder gar \u201ezwei Augen zugedr\u00fcckt\u201c haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem nervenaufreibenden Zwischenfall setzten Klaus Draffehn und Hans-J\u00fcrgen Dreyer ihre Fahrt fort, obwohl die Winde immer mehr zu einem Sturm anschwollen. Da die raue See das Boot immer wieder zur\u00fcck warf, war an ein Weiterkommen in westlicher Richtung nicht mehr zu denken. Als die beiden Bootsinsassen gegen 7.15 Uhr auf dem vor Poel liegenden Eiland Langenwerder anlandeten, wurden sie von Grenzern ge\u00adstellt. Man brachte sie zun\u00e4chst in die Untersuchungshaftanstalt Wismar und von dort aus in die UHA Rostock in der Ulmenstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend verbrachte Draffehn sechs Wochen in Haft, die er als \u201ehochgradig unangenehm\u201c beschreibt. Hans-J\u00fcrgen Dreyer traf er erst vor dem Kreisgericht in Bad Doberan wieder. Die beiden Angeklagten wurden \u201ewegen Passvergehens\u201c zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe von jeweils sechs Mona\u00adten verurteilt und zur Verb\u00fc\u00dfung in die Strafvollzugsanstalt Alt-Strelitz verlegt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dort herrschten katastrophale hygienische Zust\u00e4nde. Bis zu acht Mann mussten sich eine Zelle und einen darin stehenden K\u00fcbel f\u00fcr die Notdurft teilen. Die beiden \u201eRepu\u00adblikfl\u00fcchtlinge\u201c wurden verschiedenen Brigaden eines Gleisbaukommandos zugeteilt. Die Aufgabe der H\u00e4ftlinge bestand darin, die jeweils viereinhalb Zentner schweren Betonschwellen auf der Bahnstrecke zwischen Rostock und Berlin zu verle\u00adgen. Die schlechten Arbeitsbedingungen auf dem Bau hatten zahlreiche Unf\u00e4lle zur Folge. Zudem erwies sich der Winter 1963 als extrem hart. R\u00fcckblickend sagt Klaus Draffehn: \u201eH\u00e4tten wir das gewusst, w\u00e4ren wir zur Fu\u00df nach D\u00e4nemark gelau\u00adfen.\u201c W\u00e4hrend er sich dem Regiment des Strafvollzuges unterordnete, verweigerte Hans-J\u00fcrgen Dreyer h\u00e4ufig die Arbeit und wurde daf\u00fcr zur Strafe in den ber\u00fcchtigten \u201eTigerk\u00e4fig\u201c gesperrt. \u201eEr war konsequenter als ich\u201c sagt Draffehn r\u00fcckblickend.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner Freilassung kehrte er mit 165, &#8211; Mark ersparten Strafarbeitslohn in seine alte Heimatstadt zur\u00fcck. Mit seinem Dessauer Freund stand er noch einige Zeit in brieflichen Kontakt. 1964 meldete sich dieser aus West-Berlin und berichtete ihm von seinem erneuten, diesmal gegl\u00fcckten Fluchtversuch \u00fcber die Mauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Klaus Draffehn trug sich noch l\u00e4ngere Zeit mit Fluchtgedanken. Mitte der 70er Jahre bewarb er sich erfolglos bei der Fischerei in Sassnitz, um in den Besitz eines Seefahrtsbuches zu gelangen, das ihm seinem Ziel n\u00e4her gebracht h\u00e4tte. Da sein Ansinnen erfolglos blieb, gab jedoch auf. In seiner Entscheidung best\u00e4rkt wurde er durch die Hilfsbed\u00fcrftigkeit seiner allein stehenden Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr qualifizierte er sich zum Saat\u00adzuchtmeister und arbeitete in verschiedenen Landwirtschaftsbetrieben, zuletzt in Oberm\u00fctzkow (Kreis Stralsund). Auf der dortigen Saatzuchtstation war er f\u00fcr seine gute und flei\u00dfige Arbeit anerkannt. Von politischen Veranstaltungen hielt er sich dagegen fern. Privat f\u00fchrte der Junggeselle ein eher zur\u00fcckgezogenes Leben als Taubenz\u00fcchter.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte der 70er Jahre sollte Draffehn sogar einen Orden zu erhalten, wenn er daf\u00fcr in \u201edie Partei\u201c eintrete. Als er darauf antwortete, \u201ekeinen Wert auf sozialistische Auszeichnungen\u201c zu legen, wurde er in sei\u00adnem Betrieb fortan nur noch als Heizer geduldet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ehemaligen \u201eRepublikfl\u00fcchtling\u201c verd\u00e4chtigte ihn das Ministerium f\u00fcr Staatssi\u00adcherheit zeitweilig, die Neuz\u00fcchtung einer Kohlkopfsorte aktiv hintertrieben zu haben. Eine eingeleitete \u201eOperative Personenkontrolle\u201c wurde schlie\u00dflich eingestellt, weil sich der Verdacht nicht erh\u00e4rten lie\u00df. Gleichwohl hei\u00dft es im Abschlussbericht des MfS: \u201eDa der D. keine gefestigte Grundeinstellung hat, ist er als poten\u00adtielle Kraft des Gegners einzustufen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus Draffehn wurde 1994 rehabilitiert. Er war zun\u00e4chst weiter als Heizer in seinem alten Betrieb t\u00e4tig. Nach der K\u00fcndigung arbeitete er eine zeitlang in Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen und auf der Basis von Zeitvertr\u00e4gen, bevor er infolge seiner Invalidisierung vorzeitig aus dem Berufsleben ausschied.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/kostbade.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-99\" width=\"500\" height=\"383\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/kostbade.jpg 1000w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/kostbade-300x230.jpg 300w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/kostbade-768x588.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Kostbade, Alfred<\/h3>\n\n\n\n<p>fl\u00fcchtete 1988 mit seiner gesamten Familie in die Bundesrepublik<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Crouch, Lotte S.: Aber nicht \u00fcbers Wasser. Die wahre Geschichte der Flucht einer Familie aus der DDR \u00fcber die Ostsee in den Westen. Geschrieben in Zusammenarbeit mit Alfred und Renate Kostbade, Frankfurt am Main 2000.<\/li><li>Telefonat mit Alfred Kostbade am 23. August 2007<\/li><li>Untersuchungsbericht des Grenzbataillons 3 vom 27. Oktober 1988<\/li><li>BILD-Artikel vom 1. November 1988<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Alfred Kostbade kam 1947 als unehelicher Sohn desPostangestellten Willi Kostbade und der Hausfrau Hildegard Ramich in der mecklenburgischen Kleinstadt Gnoien zur Welt. Innerlich standen seine Eltern, die nach seiner Geburt heirateten, dem politischen System der Sowjetischen Besatzungszone und sp\u00e4teren DDR distanziert bis ablehnend gegen\u00fcber. Als Kind will Kostbade sogar beobachtet haben, wie sich sein Vater einem Anwerbungsversuch von SED-Leuten durch Abseilen aus dem Wohnungsfenster entzog. Er selbst besch\u00e4ftigte sich bereits als 15-j\u00e4hriger erstmals mit dem Gedanken, die DDR zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abschluss der Ausbildung zum Fernmeldemechaniker bei der Deutschen Post in Schwerin zog er nach Neubrandenburg. Auf seiner Arbeitsstelle im Fernmeldebauamt lernte er die Telefonistin Renate Schultz kennen und lieben. Nachdem sie 1968 geheiratet hatten, kamen in kurzer Folge Sohn Marco und Tochter Doreen zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende der 60er Jahre hatte sich die Familie in Magdeburg niedergelassen, weil Alfred Kostbade im hiesigen RFT-Werk f\u00fcr Nachrichtenelektronik nicht nur einen attraktiveren Arbeitsplatz, sondern auch eine Wohnung gefunden hatte. Die ersten Ehejahre waren allerdings nicht einfach. Mit dem Anfangsgehalt eines Funkmechanikers kam die Familie gerade so \u00fcber die Runden. Erst als die Kinder die Krippe besuchten, Renate als Erzieherin in einem Kindergarten anfing und Alfred sich zum Meister qualifizierte, ging es finanziell bergauf. Da sich sein Betrieb in Griechenland engagierte und ihn trotz seines dringenden Wunsches nicht nach dorthin zum Arbeiten entsenden wollte, verlie\u00df er ihn schlie\u00dflich \u201eaus Gnatz\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>1977 erhielt Alfred Kostbade von seinem neuen Arbeitgeber, dem VEB Getreideverarbeitung Magdeburg, ein lukratives Angebot: Er k\u00f6nnte auf einem verantwortungsvollen Posten in einem mecklenburgischen Zweigbetrieb wechseln. Daraufhin kehrte er mit seiner Familie in den heimatlichen Norden zur\u00fcck. Die neue Arbeitsstelle befand sich in der Kleinstadt Neubukow im Kreis Bad Doberan. Der ihn besch\u00e4ftigende Betrieb, der LPG-Getreide aufkaufte, veredelte und zum Weiterverkauf im In- und Ausland anbot, stellte ihn als Technischen Leiter ein. Renate Kostbade erhielt ebenfalls eine Anstellung als Sachbearbeiterin.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An aktiver Freizeitgestaltung interessiert, trat der junge Familienvater einem Angelverein bei, der \u00fcber ein eigenes Boot verf\u00fcgte. Nach dem Erwerb eines \u201ekleines Kapit\u00e4nspatents\u201c f\u00fcr die K\u00fcsten- und Binnenschifffahrt fungierte Kostbade nicht nur als Bootsf\u00fchrer des Vereins, sondern \u00fcbernahm auch bald darauf dessen Vorsitz. Weil die Angeltouren auf dem Haff und dem offenen Meer streng reglementiert waren, musste jeder Passagier eine spezielle beh\u00f6rdliche Erlaubnis (\u201ePM 18\u201c) besitzen, die j\u00e4hrlich neu beantragt werden musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Alfred Kostbade tr\u00e4umte seit langem davon, sich und seiner Familie ein Eigenheim zu bauen. Aus diesem Grunde verdiente er sich als Elektriker \u201eschwarz\u201c etwas hinzu. Wie viele andere DDR-B\u00fcrger bem\u00fchte er sich, ein f\u00fcr die private Beschaffung von Baumaterialien notwendiges Netz pers\u00f6nlicher Beziehungen zu kn\u00fcpfen. Als besonders hilfreich erwiesen sich dabei seine Kontakte zur Volksmarine, \u00fcber die er als Oberleutnant der Reserve verf\u00fcgte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sich herausstellte, leistete ihm diese bis nach Magdeburg reichenden Verbindungen auch in beruflicher Hinsicht n\u00fctzliche Dienste. Da er als Technischer Leiter seines Betriebes f\u00fcr die Instandhaltung der Technik verantwortlich war und st\u00e4ndig Ersatzteile f\u00fcr das hoffnungslos veraltete Kraftfuttermischwerk gebraucht wurden, machte er h\u00e4ufig von seinen vielf\u00e4ltigen Kontakten Gebrauch. Letztendlich vermochten aber auch diese nichts an der desolaten Situation des Maschinenparks zu ver\u00e4ndern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Alfred Kostbade durch ein SED-Mitglied in die mittlere Leitungsposition eines Silomeisters verdr\u00e4ngt wurde, wuchs der pers\u00f6nliche Frust \u00fcber seinen Betrieb. Mehrere Anl\u00e4ufe, sich als Betreiber einer Antennenbaufirma oder einer Autowaschanlage selbstst\u00e4ndig zu machen, scheiterten an den Beh\u00f6rden. Andererseits ging der 1984 in Angriff genommene Bau des privaten Eigenheims in Malpendorf bei Neubukow z\u00fcgig vonstatten. Nach etwas mehr als einem Jahr Baut\u00e4tigkeit, in der die Familie aktiv mit Hand anlegte, konnte sie ihr neues Domizil beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fertigstellung des Hauses lag noch nicht lange zur\u00fcck, da machte Alfred Kostbade von den neuen Reisem\u00f6glichkeiten ins \u201eNichtsozialistische Wirtschaftsgebiet\u201c (offizieller DDR-Jargon) Gebrauch. Aus Anlass des 60. Geburtstages seiner in Rheine lebenden Tante beantragte er eine Besuchsreise, die ihm problemlos genehmigt wurde. Vor deren Antritt versicherte er seiner Partnerin, er habe auf keinen Fall die Absicht, in den Westen zu \u201et\u00fcrmen\u201c. Das, was sie sich zu zweit aufgebaut h\u00e4tten, wollte er nicht im Stich lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen Vorsatz, sich durch den \u201eGoldenen Westen\u201c nicht beeindrucken zu lassen, vermochte er nicht zu entsprechen. Das eigene Erleben der westlichen \u00dcberflussgesellschaft wirkte auf den in einer Mangelwirtschaft gro\u00df gewordenen DDR-B\u00fcrger wie ein Kulturschock. Besonders in den Heimwerkerabteilungen der Kaufh\u00e4user, die er selbstqu\u00e4lerisch durchschritt, fand er Dinge, von deren Existenz er bisher nicht einmal getr\u00e4umt hatte. Nicht nur die Auswahl und Qualit\u00e4t des \u00fcberbordenden Warenangebots, sondern auch die offenkundig besseren Verdienstm\u00f6glichen hinterlie\u00dfen einen nachhaltigen Eindruck.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr in die DDR war f\u00fcr den Familienvater nichts mehr wie es war. Gegen\u00fcber seiner Frau \u00e4u\u00dferte er die Meinung, sie h\u00e4tten 20 Jahre lang einen Staat unterst\u00fctzt, von dem sie \u201esystematisch beschissen\u201c worden waren. Das Geld, das sie mit ihrer H\u00e4nde Arbeit verdient h\u00e4tten, schmore auf der Bank, weil man davon nichts Anst\u00e4ndiges kaufen k\u00f6nnte. Wollte man etwas haben, m\u00fcsste es im Tausch gegen andere Mangelwaren erworben werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um der drohenden Resignation zu entkommen, begann Alfred Kostbade f\u00fcr sich und seine Familie Fluchtpl\u00e4ne zu schmieden. Da ihm die gut gesicherte Landgrenze als undurchdringlich erschien und er \u00fcber seem\u00e4nnische Grundkenntnisse verf\u00fcgte, gab er einer Flucht \u00fcber die Ostsee den Vorzug. Konfrontiert mit derartigen Gedankenspielen gab seine Frau ihm zu bedenken, dass sie sich beide eine sichere Existenz aufgebaut h\u00e4tten, die ihnen ein zufriedenes Leben garantiere, w\u00e4hrend sie in der Bundesrepublik ganz von vorn anfangen m\u00fcssten. Alfred Kostbade, dessen Entscheidung feststand, lie\u00df jedoch nichts unversucht, um seine Frau davon zu \u00fcberzeugen, dass es f\u00fcr die Familie besser w\u00e4re, die DDR zu verlassen. Eher aus Loyalit\u00e4t und Treue zu ihrem Ehemann als aus innerer \u00dcberzeugung stimmte sie dem Vorhaben ihres Mannes zu, beharrte aber darauf, dass der Weg \u00fcbers offene Meer mit ihr nicht zu machen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Um seiner Partnerin entgegen zu kommen, erwog Alfred Kostbade eine alternative Route \u00fcber den im nordwestlichen Grenzgebiet gelegenen Schalsee. W\u00e4hrend einer Erkundungsfahrt mit dem Auto gelangten beide Eheleute zu der Einsicht, dass eine Flucht in diese Richtung von vornherein zum Scheitern verurteilt w\u00e4re. Aufgrund der strikten Zugangsbeschr\u00e4nkungen und der intensiven Kontrollen im Grenzvorland war an ein Auskundschaften des ihnen unbekannten Terrains nicht zu denken. Schlie\u00dflich kehrte Alfred Kostbade zu seinem urspr\u00fcnglichen Vorhaben zur\u00fcck, das Land \u00fcber die \u201enasse Mauer\u201c zu verlassen. Er rechnete sich aus, dass sie zu viert eine realistische Chance h\u00e4tten, wenn sie mit einem kleinen unauff\u00e4lligen Boot bei dichtem Nebel in See stachen, um sowohl f\u00fcr die Augen als auch die Radarschirme der Grenzer unsichtbar zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Kontakte als Reserveoffizier nutzend, suchte er gelegentlich ein Milit\u00e4rkasino auf, um sich umzuh\u00f6ren. Sobald sich die Gespr\u00e4che der Berufssoldaten um den Schutz der Ostseegrenze drehten, hakte er vorsichtig nach. Auf diese Weise erfuhr er beispielsweise, dass vor Fehmarn und D\u00e4nemark mobile Vorpostenboote kreuzten, die von der K\u00fcste aus nicht zu sehen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl zwischen beiden Ehepartnern immer wieder Diskussionen aufflammten, ob und auf welche Weise sie das Land verlassen sollten, waren sie sich darin einig, nicht ohne ihren beiden Kinder zu gehen. Da diese ihre Entscheidung aus freien St\u00fccken treffen sollten, wurden sie eingeweiht und nach ihrer Meinung gefragt. Marco, der kurz vor dem Abschluss seiner Elektrikerlehre stand, musste nicht erst \u00fcberzeugt werden. Seine j\u00fcngere Schwester Doreen, die sich noch mitten in ihrer Ausbildung bei der Deutschen Reichsbahn befand, z\u00f6gerte zun\u00e4chst, da sie an ihre vielf\u00e4ltigen Freundschaften dachte, die sie verlieren w\u00fcrde. Erst nach l\u00e4ngerem Nachdenken stimmte sie ebenfalls zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Alfred Kostbade glaubte, seine noch immer zweifelnde Frau von den Vorz\u00fcgen der Bundesrepublik \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen, unterbreitete er ihr den Vorschlag, den bevorstehenden 65. Geburtstag ihrer in Bochum lebenden Tante zur Beantragung einer Westreise zu nutzen. Nachdem die schriftliche Einladung in Neubukow eingegangen war und Renate Kostbade diese zusammen mit einem Besuchsantrag formgerecht eingereicht hatte, h\u00fcllten sich die Beh\u00f6rden jedoch in Schweigen. Als sie am 24. Dezember 1987 fr\u00fchmorgens gemeinsam mit ihrem Mann das \u00f6rtliche Polizeirevier aufsuchte, um sich vor dem geplanten Fahrantritt am darauf folgenden Tag die n\u00f6tigen Visa-Papiere aush\u00e4ndigen zu lassen, hie\u00df es, von h\u00f6herer Stelle w\u00e4re noch keine Entscheidung bekannt. Man riet ihnen, sich nach Bad Doberan ins Volkspolizeikreisamt zu begeben, um sich nach dem Bearbeitungsstand zu erkundigen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den innerlich aufgew\u00fchlten Alfred Kostbade kam diese \u201eEmpfehlung\u201c einer Ablehnung gleich. Kurz entschlossen trommelte er den Rest der Familie zusammen, um mit ihnen zusammen in die Kreisstadt zu fahren. Unterwegs erl\u00e4uterte er ihnen sein Vorhaben. Bei der Abteilung Inneres des Rates des Kreises, die bekannterma\u00dfen mit dem Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit kooperierte, erkundigte er sich nach den Formalit\u00e4ten, um eine st\u00e4ndige Ausreise in die Bundesrepublik zu beantragen. W\u00e4hrend Eltern und Sohn zu getrennten Vorsprachen hereingebeten wurden, musste die noch 17-j\u00e4hrige Doreen allein auf dem Korridor ausharren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem der formlose Ausreiseantrag der Familie Kostbade den Beh\u00f6rden vorlag, wurden Alfred, Renate und Marco mehrfach zur Abteilung Inneres vorgeladen. Mittels vager Versprechungen und unverh\u00fcllten Drohungen wurde versucht, sie von ihrem \u201egesetzwidrigen\u201c Vorhaben abzubringen. Daneben fanden innerbetriebliche \u201eAussprachen\u201c mit den Antragstellern statt, um in diesem Sinne Druck auf sie auszu\u00fcben. Alfred Kostbade, der infolge seiner Antragsstellung zum Heizer degradiert worden war, wurde f\u00fcr den Fall der R\u00fccknahme sogar die Einsetzung auf seinen fr\u00fcheren Posten in Aussicht gestellt. Im Falle einer Weigerung drohe ihm dagegen eine f\u00fcnfj\u00e4hrige Haftstrafe. Durch derartige Einsch\u00fcchterungsversuche eher best\u00e4rkt in seiner ablehnenden Haltung zur DDR intensivierte er seine Fluchtvorbereitungen. W\u00e4hrend der Schichtpausen sowie nach Dienstschluss fuhr er regelm\u00e4\u00dfig von einem Ostseebad zum n\u00e4chsten, um mittels Fernglas und Kompass die Bewegungen der Grenzboote zu studieren. Unterwegs f\u00fchrte er stets eine Flasche Kognak mit sich, um im Falle seiner Entdeckung glaubw\u00fcrdig einen Betrunkenen mimen zu k\u00f6nnen, der sich in den D\u00fcnen verlaufen hatte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Seine empirischen Erkenntnisse verarbeitete er in einem wohl \u00fcberlegten Fluchtplan: Um die gut gesicherte L\u00fcbecker Bucht weitr\u00e4umig zu umfahren und keinen Verdacht zu erregen, sollte das eigene Fluchtfahrzeug von K\u00fchlungsborn aus zwischen Grenzbootgeschwadern von Wismar und Warnem\u00fcnde hindurch in Richtung NNO aufbrechen. Nach dem Umfahren der Wismarer Grenzbootkette war ein Kurswechsel nach NNW vorzunehmen, um dem vermutlich vor D\u00e4nemark liegenden Beobachtungsschiff auszuweichen. Rechtzeitig genug, um nicht der Patrouille vor Fehmarn in die F\u00e4nge zu geraten, musste eine weitere Kurs\u00e4nderung in Richtung Westen vollzogen werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus bedurfte es vor allem eines geeigneten Transportmittels, um die vier Personen unbemerkt und sicher an ihr Ziel zu bringen, Ausgerechnet Renate Kostbade, die sich bislang gegen eine Flucht \u00fcbers Meer ausgesprochen hatte, trug von sich aus entscheidend zur L\u00f6sung dieser Frage bei. Nachdem sie in Erfahrung gebrachte hatte, dass einem Wismarer Sportartikelgesch\u00e4ft Schlauchboote vertrieben wurden, informierte sie ihren Mann. Zu zweit dort angekommen, teilte ihnen allerdings der Verk\u00e4ufer mit, dass das einzige noch im Laden verbliebene Exemplar bereits f\u00fcr einen anderen K\u00e4ufer reserviert sei. Da der Neubukower die geforderten 1.200 Mark sofort vorstreckte und den Verk\u00e4ufer durch die zus\u00e4tzliche Zahlung von 100 Mark umstimmen konnte, wurde man sich schnell handelseinig. Zuvor musste er jedoch seine Personalausweisnummer hinterlassen, um den Verbleib des Bootes zu dokumentieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um dem in grellem Pink gehaltenen Schlauchboot einen unauff\u00e4lligen Tarnanstrich zu verpassen, experimentierte Alfred Kostbade zun\u00e4chst erfolglos mit Lackfarbe. Eine bestimmte Sorte Kautschukfarbe erwies sich zwar als geeignet, wurde jedoch nur in kleinen Fl\u00e4schchen abgegeben. Um sich nicht durch den Kauf gro\u00dfer St\u00fcckzahlen zu verraten, mussten die einzelnen Fl\u00e4schchen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg in verschiedenen Gesch\u00e4ften erstanden werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da Alfred Kostbade die L\u00e4nge der Fluchtroute mit 80 Seemeilen veranschlagte, die sich nur schwer durch blo\u00dfe Muskelkraft zur\u00fccklegen lassen w\u00fcrden, sah er sich nach einen Au\u00dfenbordmotor mit dazugeh\u00f6rigen Benzintank um, den er gebraucht von einem H\u00fchnerz\u00fcchter f\u00fcr 1.300 Mark und drei Sack Mais erwarb. Aufgrund des enormen L\u00e4rms, den das Ger\u00e4t der Marke \u201eForelle\u201c w\u00e4hrend der Inbetriebnahme entwickelte, fertigte der findige Hobbybastler eine Filzhaube zur Schallisolierung an.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchsommer 1988 stand sein Fluchtplan in allen Einzelheiten fest. An einem windigen Sonntag im Juni unternahm die gesamte Familie eine Testfahrt auf dem Schweriner See. Dabei kam erstmals der selbst gebastelte Blasebalg zum Einsatz, mit dem das Schlauchboot in deutlich k\u00fcrzerer Zeit startklar gemacht werden konnte als mit der mitgelieferten Pumpe.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich am 29. August dichter Nebel \u00fcber Neubukow zu legen begann, begaben sich die Familienmitglieder zu der seit Wochen ausgekundschafteten Stelle am Fulgenbach, die sich etwas au\u00dferhalb K\u00fchlungsborn inmitten von Brennnesseln und Dornengestr\u00fcpp befand. Als sie dort eintrafen, herrschte klare Sicht aufs Meer. Keine Spur von Nebel! Schlie\u00dflich tauchten noch zwei Grenzer vor dem in der N\u00e4he abgestellten Fahrzeug auf, in dessen Kofferraum sich das Schlauchboot befand. Nur der Geistesgegenwart von Renate Kostbade war es zu verdanken, dass diese keinen Verdacht sch\u00f6pften. Nachdem auch ein zweiter Anlauf in der letzten Septemberwoche erneut scheiterte und das in einem Versteck zur\u00fcckgelassene Schlauchboot um Haaresbreite entdeckt worden w\u00e4ren, \u00fcberdachte Alfred Kostbade noch einmal jede Einzelheit seines Plans.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der 13. Oktober brachte endlich jene Wetterlage, auf die die Familie bisher vergeblich gewartet hatte. Um sich davon zu \u00fcberzeugen, dass im 12 Kilometer entfernten K\u00fchlungsborn dieselbe Witterung wie in Malpendorf herrschte, brach Alfred Kostbade erstmals zu einer Erkundungsfahrt an die Ostseek\u00fcste auf. Nachdem er diese ebenfalls in dichten Schwaden eingeh\u00fcllt fand, \u00fcberbrachte er seiner Familie die Botschaft: \u201eJetzt oder nie!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen 18.00 Uhr traf der voll bepackte Lada der Familie \u00fcber Gersdorf und Hohen Niendorf kommend in K\u00fchlungsborn ein. Diesmal wurde das Fahrzeug in der N\u00e4he der belebten K\u00fchlungsborner Promenade abgestellt. Inmitten der vielen Passanten \u2013 so das Kalk\u00fcl \u2013 w\u00fcrden die mit Gep\u00e4ckst\u00fccken beladenen Familienmitglieder weniger auffallen als in menschenleerer Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst begab sich Alfred Kostbade allein zur Promenade, um den zeitlichen Abstand zwischen den Patrouillen der Grenzpolizisten auszukundschaften. In der Zwischenzeit mussten s\u00e4mtliche Fluchtutensilien \u2013 das Schlauchboot, mehrere Bretter f\u00fcr die Stabilisierung des Bodens, der Au\u00dfenbordmotor mit der Filzhaube, der Benzintank, der Blasebalg und die kleine Pumpe, die Segeltuchtasche mit den Familiendokumenten und den Fotos, ein Kompass, ein Fernglas, eine Taschenlampe und die beiden Paddel \u2013 in Ufern\u00e4he gebracht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Vater und sein eigentlich an Grippe erkrankter Sohn das Boot aufpumpten, hielten die beiden Frauen ihnen den R\u00fccken frei. Dank ihrer guten Intuition gelang es Renate Kostbade erneut, einen \u00fcberraschend im Nebel aufgetauchten Grenzer abzuwehren, dessen Hund bereits Witterung in Richtung Strand aufgenommen hatte. Gegen 20.00 Uhr glitt das Schlauchboot ger\u00e4uschlos ins Wasser. Alfred und Marco bedienten die Ruder, Renate \u00fcberwachte den Kurs und Doreen fungierte als \u201eAusguck\u201c. Sp\u00e4ter wechselten sich Sohn und Mutter ab, weil sich die beiden M\u00e4nner nicht auf einen gemeinsamen Rhythmus einspielen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz absoluter Windstelle herrschte bewegte See. Nach dreieinhalbst\u00fcndiger Fahrt vollzog das Boot die geplante Kurs\u00e4nderung in Richtung NNW. Da die Wellen jetzt von der Seite kamen, gestaltete sich das Vorankommen deutlich schwieriger. Nachdem im Verlaufe einer kurzen Verschnaufpause ein Paddel unbemerkt aus der Verankerung l\u00f6ste und \u00fcber Bord ging, blieb Alfred Kostbade nichts weiter \u00fcbrig, als den Motor vorzeitig zu starten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der zweist\u00fcndigen Fahrt durch internationale Gew\u00e4sser wurden die vier Bootsinsassen von einem mutma\u00dflichen Grenzboot begleitet. Da dieses aber weit auf Abstand blieb, konnten sie ihre Fahrt unbehelligt in westlicher Richtung fortsetzen. Gegen 5.00 Uhr morgens, nach neun Stunden Fahrt, lichtete sich die dichte Nebelwand, ohne den Blick auf einen sich am Horizont abzeichnenden K\u00fcstenstreifen freizugeben. Angesichts der bereits hinter ihnen liegenden Strapazen waren sie sowohl k\u00f6rperlich als auch mental auf einem Tiefpunkt angelangt. Da Alfred Kostbade seiner Familie zuvor in Aussicht gestellt hatte, zu diesem Zeitpunkt bereits \u201eim Westen Fr\u00fchst\u00fcck zu essen\u201c, schwebten vor allem Renate und Doreen in der Angst, sie bef\u00e4nden noch immer im Seegebiet der DDR.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die ungebetenen Begleiter schlie\u00dflich verschwanden, machte der Familienvater allen wieder Mut, indem er ihnen erkl\u00e4rte, dass sie die bundesdeutschen Hoheitsgew\u00e4sser wohl erreicht h\u00e4tten. Kurz darauf war tats\u00e4chlich Land in Sicht! Wenige Meter vor dem Erreichen der Wasserkante setzte der Motor aus. Gegen 6.05 Uhr hatte die Familie wieder festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Ein kurzer Landgang zerstreute jeden Zweifel: Sie&nbsp; waren in Fehmarn gelandet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem am 9. November 1989 &#8211; also ein Jahr und dreieinhalb Wochen sp\u00e4ter &#8211; die Berliner Mauer gefallen war, suchten die Kostbades noch einmal ihr Haus in Malpendorf auf, das der Staat samt Interieur inzwischen verkauft hatte. Eine realistische M\u00f6glichkeit, wenigstens einen Teil seiner Habe wiederzubekommen, sah Alfred Kostbade nicht. Er ist von der Fortexistenz \u201ealter Seilschaften\u201c \u00fcberzeugt, die einen Pr\u00e4zedenzfall mit allen Mitteln verhindern will.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der Bitterkeit in dieser Frage ist er auch heute noch der Meinung, zum damaligen Zeitpunkt f\u00fcr seine Familie das Richtige getan zu haben. Zwar habe er schon fr\u00fcher fest damit gerechnet, dass die DDR untergehen w\u00fcrde. Dass dies so bald geschehen w\u00fcrde, h\u00e4tte er jedoch nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Immerhin w\u00e4ren die Kostbades ihren ostdeutschen Landsleuten so gegen\u00fcber um ein wichtiges Jahr voraus gewesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familie lie\u00df sich im nordrhein-westf\u00e4lischen Rheine nieder. Im Wendejahr 1989 fing Alfred Kostbade zusammen mit seinem Sohn Marco in einem Baubetrieb an zu arbeiten. W\u00e4hrend er jetzt f\u00fcr eine gro\u00dfe Firma f\u00fcr Verpackungsmaschinen t\u00e4tig ist, arbeitet Marco als Berufssoldat im K\u00f6lner Raum. Renate, die sich zur B\u00fcrokauffrau hatte weiterbilden lassen und sp\u00e4ter f\u00fcr einem internationalen Kaufhauskonzern t\u00e4tig war, ist mittlerweile Rentnerin. Doreen begann zun\u00e4chst eine neue Ausbildung als Damenschneiderin, sattelte jedoch sp\u00e4ter um zur Verkehrskauffrau um. Sie lebt heute in Bayern. Marco und Doreen Kostbade gr\u00fcndeten eigene Familien und haben inzwischen eigenen Nachwuchs.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Krechlok.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-100\" width=\"500\" height=\"334\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Krechlok.jpg 1000w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Krechlok-300x200.jpg 300w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Krechlok-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Krechlok, Andreas<\/h3>\n\n\n\n<p>ehemals Wehrpflichtiger und sp\u00e4ter Grenzhelfer<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 13. Juli 2007 in K\u00fchlungsborn&nbsp;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Andreas Krechlok wuchs im erzgebirgischen Burgst\u00e4dt in einer streng protestantischen Familie auf. W\u00e4hrend die Eltern ihren Sohn im christlichen Sinne zu erziehen suchten und zum Kirchenchor schickten, galt seine eigentliche Leidenschaft dem Sport. Wegen seiner guten Leistungen in verschiedenen leichtathletischen Disziplinen nahm er in fr\u00fchem Alter an Kinder- und Jugendspartakiaden teil. Von der Olympischen Gesellschaft der DDR wurde er schlie\u00dflich f\u00fcr den Leistungssport entdeckt. Er wurde auf die Kinder- und Jugendsportschule nach Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) dele\u00adgiert, wo er sich auf den olympischen Zehn\u00adkampf spezialisierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Ende der Schulzeit erlernte der konfirmierte Pfarrersohn in einem Textilbetrieb den Beruf eines Werkzeugmachers. Neben seiner Arbeit trieb er weiter aktiv Sport und qualifizierte sich f\u00fcr eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 1972 in M\u00fcnchen. Nach einer Serie schwerer Verletzungen schied er aus dem Olympiakader aus und musste seine sportliche Laufbahn beenden. Um dem ehemaligen Hoffungstr\u00e4ger wenigstens eine Perspektive als Trainer zu erm\u00f6glichen, wurde ihm die Aufnahme eines Fernstudiums an die Deutsche Hochschule f\u00fcr K\u00f6rperkultur und Sport (DHfK) in Leipzig gew\u00e4hrt. Ungeachtet dessen wurde er allerdings f\u00fcr den 18-monatigen Wehrdienst ge\u00admustert und kurz darauf, im Mai 1974, zur Grundausbildung ins Ausbildungsbataillon der Grenzbrigade K\u00fcste einberufen. Seine Ausbildung leistete der 19-j\u00e4hrige in K\u00fchlungsborn ab.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie jeder einfache Matrose wurde Andreas Krechlok alle sechs bis acht Wochen von einer Grenzeinheit in die n\u00e4chste versetzt. Offensichtlich diente diese Praxis nur dem Zweck, das Entstehen enger pers\u00f6nlicher Kontakte untereinander zu unterbinden. Im Falle des jungen Sachsen trug dessen Faszination von der Sch\u00f6nheit des Meeres dazu bei, die Trennung von der Familie und den Freunden sowie die Zumutungen des milit\u00e4rischen Alltages zu ertragen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs wurde Andreas Krechlok als Wachposten auf diversen Beobachtungst\u00fcrmen zwischen Boltenhagen und Usedom eingesetzt. W\u00e4hrend des Dienstes wurde er jeweils einem anderen Vorgesetzten unterstellt, mit dem er gemeinsam die Verantwortung \u00fcber einen bestimmten K\u00fcstenabschnitt \u00fcbertragen bekam. W\u00e4hrend des Dienstes auf dem Turm waren sowohl der Postenf\u00fchrer als auch der Posten im Besitz von Waffen und scharfer Munition. Beide wurden ausdr\u00fccklich zu h\u00f6chster Wachsamkeit&nbsp; \u201evergattert\u201c und hatten m\u00f6gliche Grenzverletzer mit allen Mitteln an ihrem Vorhaben zu hindern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcckblickend auf diese Zeit nimmt Andreas Krechlok heute f\u00fcr sich in Anspruch, \u201ekein willf\u00e4hriger DDR-B\u00fcrger\u201c gewesen zu sein. Vielmehr w\u00e4re der Wunsch vieler Menschen, \u201eabhauen\u201c zu wollen, f\u00fcr ihn gut nachzuvoll\u00adziehen gewesen. F\u00fcr diejenigen, die jedoch versucht h\u00e4tten, ihr Vorhaben umzusetzen, habe er allerdings nur wenig Verst\u00e4ndnis gehabt, weil sie sich bewusst dem Risiko aussetzten, ihr Leben durch Ertrin\u00adken oder Erschie\u00dfen zu verlieren bzw. gefasst und verurteilt zu werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Wehrdienstleistender h\u00e4tte er \u201ezum Gl\u00fcck\u201c niemals einen Fl\u00fcchtenden stellen oder gar auf einen schie\u00ad\u00dfen m\u00fcssen. Wenn dies doch eingetreten w\u00e4re, h\u00e4tte er versuchen k\u00f6nnen, wegzugucken, sofern er \u201enicht gerade \u00fcber ein Schlauchboot gestolpert\u201c w\u00e4re. Schlie\u00dflich habe auch er sich davor sch\u00fctzen m\u00fcssen, wegen Wachvergehens bestraft zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben derartigen Gewissenfragen besch\u00e4ftigte den ehemaligen Grenzer, dass eini\u00adgen wenigen privilegierten DDR-B\u00fcrgern gestattet wurde, was der Allgemeinheit ver\u00adwehrt blieb: die Erlaubnis, auf der Ostsee zu segeln. Vor allem sah er sein Ge\u00adrechtigkeitsemp\u00adfinden verletzt, wenn Angeh\u00f6rige \u201eastreiner\u201c Familien weit aufs Meer hinausfuhren, \u201ew\u00e4hrend andere bereits mit einem Schlauchboot unter dem Arm am Rostocker Hauptbahnhof verhaftet wurden\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich Andreas Krechlok anl\u00e4sslich eines solchen Vorkommnisses \u201e\u00fcberpflichtbewusst\u201c verhielt und am helllichten Tag vorschriftsm\u00e4\u00dfig Grenz\u00adalarm ausl\u00f6ste, zog er sich zwar den Unwillen seiner Vorgesetzten zu, konnte aber nicht daf\u00fcr belangt werden. Nachdem sich derartige Vorkommnisse zu h\u00e4ufen begannen, wurde er als Beo\u00adbachtungs\u00adposten abgezogen und fortan als Kraftfahrer zum Transport mobiler Flutlicht\u00adscheinwerfer ein\u00adgesetzt. Diese wurden des Nachts in Stellung ge\u00adbracht, um den K\u00fcstenstreifen nach einem ausgekl\u00fcgelten System abzuleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner Entlassung vom Wehrdienst im Oktober 1975 fasste er den Entschluss, im Norden zu bleiben. Zun\u00e4chst arbeitete er als Sportleiter in einem \u201eFerienob\u00adjekt\u201c des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) im Ostseebad Dierhagen. Hier lernte er seine zuk\u00fcnftige Ehefrau kennen, mit der er 1977 nach K\u00fchlungsborn zog, wo er in gleicher Funktion f\u00fcr den gewerkschaftseigenen Fe\u00adriendienst t\u00e4tig war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als ehemaliger Grenzer wurde der parteilose Andreas Krechlok von seinem Arbeits\u00adgeber aufgefordert, sich f\u00fcr den zivilen Grenzdienst bei der Grenzbrigade zu ver\u00adpflichten. Der gef\u00fcrchtete Reservistendienst, zu dem m\u00e4nnliche DDR-B\u00fcrger in unre\u00adgelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden verpflichtet und von ihren Familien getrennt wurden, blieb ihm auf diese Weise erspart. F\u00fcr die Eins\u00e4tze als \u201efreiwilliger Helfer der Grenztrup\u00adpen\u201c wurde er von seinem Betrieb regelm\u00e4\u00dfig freigestellt. Wegen seiner n\u00e4chtlichen Strei\u00adfen\u00addienste auf der st\u00e4dtischen Promenade und im Strandbereich galt er als systemtreu und erhielt h\u00e4ufig Urkunden \u201ef\u00fcr vorbildliche gesellschaftliche Arbeit\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hauptamtlich arbeitete Andreas Krechlok f\u00fcr den FDGB-Feriendienst als Clubleiter. Obwohl er sein Fernstudium als Diplomsportlehrer mittlerweile abgeschlossen hatte, verzichtete er auf eine Arbeit in diesem Beruf. Daf\u00fcr erwarb er zahlreiche Zusatzqualifikationen und suchte sich vielf\u00e4ltige Bet\u00e4tigungsfelder, u.a. als Skilehrer, Schwimmmeister, Moderator, Conferencier und Diskjockey. Im zweiten Pro\u00adgramm des DDR-Fernsehens \u00fcbernahm der Allrounder sogar die Moderation einer Sendung, die regelm\u00e4\u00dfig aktuelle Kreationen aus dem VEB Jugendmode \u201eShanty\u201c pr\u00e4\u00adsentierte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Lifeausstrahlung einer Sendung Anfang 1985 verlor er jedoch eine Bemerkung dar\u00fcber, dass es sich nicht lohne, nach der begehrten Jeans-\u201eB\u00fcckware\u201c Ausschau zu halten. Der Grund: In diesem Jahr werde sie gegen Erdgas an den \u201eden Russen\u201c geliefert. Nach diesem politischen Eklat verschwand die Sendung umgehend aus dem Programm. Innerhalb nur eines Tages verlor der gefeuerte Moderator auch seine Anstellung beim FDGB. Ihm wurden s\u00e4mtliche Engagements bei der Konzert- und Gastspieldi\u00adrektion gek\u00fcndigt und selbst die Pr\u00e4sidentschaft des K\u00fchlungsborner Karnevalsvereins entzo\u00adgen. Den Status als freiwilliger Grenzhelfer verlor er ebenfalls. Obwohl er seinen Ausweis daraufhin abgeben musste, wurde er als Reservist weiterhin zu entsprechenden Eins\u00e4tzen herangezo\u00adgen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>De facto ohne Arbeit meldete sich der ehemalige Sport- und Kulturverantwortliche auf eine Stellenausschreibung seines fr\u00fcheren Arbeitgebers als Saisonkraft im \u201eNordischen Hof\u201c. Dort wirkte er bei der Einrichtung eines florierenden Biergartens mit. Mittels illegaler Tauschgesch\u00e4fte vermoch\u00adte er zudem sein mageres Gehalt um ein Vielfaches aufstocken. Da ihm au\u00dferhalb der Saison nur eine schlecht bezahlte T\u00e4tigkeit als Nachtpf\u00f6rtner blieb, verdingte er sich nach Dienstende privat als Taxifahrer und Fahrlehrer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1989 erreichten Andreas Krechlok schon fr\u00fchzeitig Berichte aus dem S\u00fcden der DDR, wonach die politischen Spannungen gr\u00f6\u00dfer w\u00fcrden. Deshalb fasste er den Entschluss, selbst zum Teil des Geschehens zu werden. Woche f\u00fcr Woche schlug er sich nach Leipzig durch, um sich an den dortigen Montagsdemonstratio\u00adnen teilzunehmen. Es gelang ihm, die zur weitr\u00e4umigen Abschir\u00admung der Demonstrationen eingesetzten Sicherheitskr\u00e4ften dadurch zu t\u00e4uschen, dass er sich als einer der ihren ausgab.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Vereinigungsprozesses beider deutscher Staaten wurde der zuvor Parteilose Mitglied der CDU, die er auch im Stadtparlament vertrat. Obwohl sein Gesch\u00e4ft als Leiter einer Fahrschule florierte, war er mit seiner beruflichen Situation unzufrieden. Im Verlaufe intensiven Nachsinnens kam er schlie\u00dflich auf die Idee, sich um die \u00dcbernahme eines der ehemaligen FDGB-Heime zu bem\u00fchen. Nachdem er in Erfahrung bringen konnte, dass auf dem bauf\u00e4lligen \u201eSchloss am Meer\u201c keine Alteigent\u00fcmeranspr\u00fcche lasteten, bem\u00fchte er sich mit Hilfe des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl erfolgreich um den Erwerb dieser Immobilie. Seit seinem Einstieg ins Hoteliergewerbe 1991 ist der Mittelst\u00e4ndler in zahlreichen berufsst\u00e4ndischen Vereinigungen aktiv, u.a. als Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins sowie des Heimatvereins von K\u00fchlungsborns.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Naehring.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-103\" width=\"500\" height=\"345\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Naehring.jpg 1000w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Naehring-300x207.jpg 300w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Naehring-768x530.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>N\u00e4hring, Bruno<\/h3>\n\n\n\n<p>erlebte als Fischer den Grenzalltag hautnah<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 3. August 2007 in K\u00fchlungsborn&nbsp;<\/li><li>Arbeitsvereinbarung mit der FPG \u201eWarnem\u00fcnde\u201c vom 26.09.1983<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Bruno N\u00e4hring erblickte am 1. April 1938in Rostock das Licht der Welt. Zwischen 1945 und 1953 ging er zur Schule. Anschlie\u00dfend begab er sich in die beruflichen Fu\u00dfstapfen seines Vaters und absolvierte eine Lehre als Zimmermann. Nachdem er diesen Beruf einige Jahre lang auf der Rostocker Bauunion und in der PGH \u201eWarnow\u201c nachgegangen war, stellte sich ein gewisser Frust \u00fcber die schlechten Verdienstm\u00f6glichkeiten ein. Viele materielle Wunschtr\u00e4ume wie der Erwerb eines Motorrades konnte er sich nicht erf\u00fcllen. Da der junge Mann ohnehin einen \u201eHang zur See\u201c hatte, bewarb er sich 1960 im Rostocker Fischkombinat (\u201eFiKo\u201c). Die Seetauglichkeitspr\u00fcfung durchlief er ohne Beanstandungen. Als Umsch\u00fcler erlernte N\u00e4hring \u201evon der Pike auf\u201c das Handwerk eines Hochseefischers. In der Funktion als Decksmann fungierte er zun\u00e4chst als \u201eM\u00e4dchen f\u00fcr alles\u201c, wurde dann Leichtmatrose und erwarb nach dem Besuch der kombinatseigenen Betriebsakademie und dem Nachweis bestimmter Fahrenszeiten erwarb er den Facharbeiterbrief als Vollmatrose der Hochseefischerei.<\/p>\n\n\n\n<p>In den ersten Jahren an Bord durchfuhr er auf kleineren Schiffen die Ost- und Nordsee, um sp\u00e4ter auf einen gr\u00f6\u00dferen Trawler zu wechseln. Mit diesem erkundeten er und seine Kollegen die Fischgr\u00fcnde rund um Island, die n\u00f6rdlichen Gew\u00e4sser vor den K\u00fcsten Gr\u00f6nlands, Neufundlands Labradors sowie die s\u00fcdlichen vor Afrika.<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4hrung erhielt diverse Auszeichnungen, z.B. 1964 \u201eF\u00fcr selbstlosen Einsatz bei der Bek\u00e4mpfung von Katastrophen\u201c, 1967 als \u201eAktivist des Siebenjahrplanes\u201c, 1968 als \u201everdienter Seemann\u201c. H\u00e4tte er sich damals einverstanden erkl\u00e4rt, der SED beizutreten, h\u00e4tte er ein Steuermanns- oder Kapit\u00e4nspatent erwerben und weiter als Seemann Karriere machen k\u00f6nnen. Das kam f\u00fcr ihn jedoch nicht infrage, weil er pers\u00f6nlich viele junge Genossen kannte, die nur \u201ehohles Zeug wiedergek\u00e4ut\u201c h\u00e4tten, was nichts f\u00fcr ihn gewesen sei. Er w\u00e4re \u201egl\u00fccklich und zufrieden\u201c damit gewesen, als Netzmacher f\u00fcr den Zustand der Netze und als \u201eBestmann\u201c f\u00fcr die Ausbildung der mitfahrenden Lehrlinge und Leichtmatrosen&nbsp; zust\u00e4ndig sein zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich zwangen ihn jedoch gesundheitliche Gr\u00fcnde dazu, nach zehn Jahren Fahrenszeit \u201eabzumustern\u201c. Als Materialwirtschafter f\u00fcr Netz- und Tauwerk durfte der inzwischen verheiratete Vater zweier Kinder zwar der Fischerei verbunden bleiben, konnte aber nur noch auf dem Festland arbeiten, was dem passionierten Seefahrer jedoch nicht wirklich lag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Grunde verlie\u00df er den Gro\u00dfbetrieb und heuerte bei der Fischereiproduktionsgenossenschaft \u201eDrei M\u00f6wen\u201c mit Sitz in K\u00fchlungsborn an. Anders als die Schiffe des Kombinates fuhren die genossenschaftseigenen Boote nur kurzzeitig auf die See hinaus. Am Abend, noch vor Anbruch der Dunkelheit, hatten sie die Netze auszubringen und am n\u00e4chsten Tag wieder einzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Genossenschaftsbetrieb nur eine Handvoll Fischer besch\u00e4ftigte und dem neuen Kollegen keinen zus\u00e4tzlichen Bootspartner stellen konnte, befuhr er die Ostsee \u00fcberwiegend allein. Zwar widersprach diese Praxis der Vorschrift, nur Boote mit zwei Mann Besatzung auslaufen zu lassen, aber sowohl Seefahrtsamt als auch Grenzbrigade sahen dar\u00fcber hinweg, zumal ein \u00e4lterer Genossenschaftler pers\u00f6nlich f\u00fcr die \u201eRepubliktreue\u201c seines neuen Kollegen b\u00fcrgte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie jeder andere, der die Ostsee befahren wollten, musste Bruno N\u00e4hring ohnehin eine spezielle Genehmigung vorweisen k\u00f6nnen, die nur denjenigen ausgestellt wurde, die als \u201epolitisch zuverl\u00e4ssig\u201c galten. War dies nicht der Fall, blieb dem Betroffenen nur ein Einsatz an Land &#8211; entweder in der genossenschaftseigenen R\u00e4ucherei oder im Marinadenbetrieb &#8211; \u00fcbrig. N\u00e4hring, der aus seiner Zeit als Hochseefischer \u00fcber ein g\u00fcltiges Seefahrtsbuch mit dem f\u00fcr Westreisen erforderlichen \u201eSichtvermerk\u201c besa\u00df, hatte so keine Schwierigkeiten, diese Voraussetzung zu erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberdies mussten sich die Fischer den strengen Regeln des Grenzregimes unterwerfen. Wollten sie beispielsweise mit Ihrem Boot aufs Meer hinaus, hatten sie sich 24 Stunden vor dem geplanten Auslaufen mit dem Grenzkontrollpunkt in Warnem\u00fcnde in Verbindung zu setzen, um sich die daf\u00fcr erforderliche Erlaubnis einzuholen. Blieb ihnen diese versagt, wurden den Fischern die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr nicht mitgeteilt. Bruno N\u00e4hring berichtet davon, selbst einmal betroffen gewesen zu sein, nachdem er sich im Kollegenkreis abf\u00e4llig \u00fcber die Politik in der DDR ge\u00e4u\u00dfert hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Blieb das Ersuchen unbeanstandet, hatte sich jede Besatzung sowohl direkt vor dem Auslaufen als auch unmittelbar nach der R\u00fcckkehr telefonisch an- und abzumelden. W\u00e4re die R\u00fcckkehr zu einem sp\u00e4teren als den angek\u00fcndigten Zeitpunkt und zudem nach Einbruch der Dunkelheit erfolgt, h\u00e4tte den s\u00e4umigen Fischern ein \u201eHeidenspektakel\u201c gedroht. Aus diesem Grunde vermied man derartige Versp\u00e4tungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ihrer R\u00fcckkehr an Land waren die Fischer verpflichtet, ihre Boote vor einem eventuellen \u201eMissbrauch\u201c zu sch\u00fctzen. Sie wurden am Strand hochgezogen und mit einem massiven Stahlseil gesichert. Weiterhin sahen die Sicherheitsbestimmungen vor, die Z\u00fcndquelle auszubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aktionsradius der kleinen Fischerboote blieb auf die DDR-K\u00fcstengew\u00e4sser innerhalb der so genannten Dreimeilenzone begrenzt. Die Wachboote der Grenzbrigade patrouillierten hier rund um die Uhr und f\u00fchrten h\u00e4ufig Kontrollen auf See durch. Auch die Fischer waren \u00fcber die Genossenschaft dazu angehalten, Ausschau nach verd\u00e4chtigen Personen aufzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der K\u00fchlungsborner berichtet, blieb es infolge Wind und Str\u00f6mung fast unvermeidlich, dass die Boote hin und wieder unabsichtlich in Richtung Seegrenze abtrieben. Mitte der 70er Jahre passierte auch Bruno N\u00e4hring dieses \u201eMalheur\u201c: Obwohl er sich noch innerhalb der Dreimeilenzone aufgehalten hatte, raste bereits ein Wasserfahrzeug der Grenzbrigade auf ihn zu, um ihm den Weg auf die offene See abzuschneiden. Durch das pl\u00f6tzliche Wendeman\u00f6ver geriet sein kleines Fischerboot extrem ins Schlingern, wodurch s\u00e4mtliche ausgeworfenen Netze zerst\u00f6rt wurden. Ein Grenzer forderte ihn dann mit vorgehaltener Maschinenpistole auf, die Papiere vorzuweisen. Erst nachdem sich die Besatzung des Grenzbootes per Funk hatte versichern lassen, dass kein Fluchtversuch vorliegen k\u00f6nne, zog es sich zur\u00fcck. Eine nachtr\u00e4gliche Entschuldigung oder Entsch\u00e4digung blieb in allen F\u00e4llen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bruno N\u00e4hring schildert sich als einen bodenst\u00e4ndigen Menschen, der mit Leib und Seele immer nur Fischer sein wollte. Es w\u00e4re ihm daher fr\u00fcher nie in den Sinn gekommen, \u201eabzuhauen\u201c. Dazu h\u00e4tte er pers\u00f6nlich zuviel aufgeben m\u00fcssen: \u201eIch hatte ja Familie, Haus und Hof, Auto und alles. Au\u00dferdem hatte ich ja schon genug gesehen von der Welt. [\u2026] Ich konnte mich also nicht beklagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute f\u00e4hrt er noch immer zum Fischfang auf die Ostsee hinaus. Nach der \u201eWende\u201c hat er sich &#8211; hervorgerufen durch das Ende seiner alten Genossenschaft &#8211; beruflich auf eigene F\u00fc\u00dfe gestellt. Neben anderen K\u00fchlungsborner Hotels und Restaurants beliefert er vor allem die Fischgastst\u00e4tte seiner Tochter. Als Selbstst\u00e4ndiger habe er jetzt nicht mehr mit politischen Auflagen sondern mit beh\u00f6rdlichen und wirtschaftlichen Problemen zu k\u00e4mpfen. Vor allem die Quoten und Schonzeiten machen aus seiner Sicht Fischern wie ihm das Leben schwer.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Steidler.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-104\" width=\"334\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Steidler.jpg 667w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/Steidler-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 334px) 100vw, 334px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Steidler, Wolfgang<\/h3>\n\n\n\n<p>unternahm 1961 einen Fluchtversuch \u00fcber die Ostsee<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 17. Juli 2007 in K\u00fchlungsborn&nbsp;<\/li><li>Kopien von Gerichtsdokumenten aus Privatbesitz<\/li><li>Pers\u00f6nliche Dokumente (u.a. undatierter Zeitungsartikel)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Wolfgang Steidler kam w\u00e4hrend des Krieges als Sohn eines B\u00e4ckers im sudetendeutschen Aussig zur Welt. W\u00e4hrend der Vater in sowjetischer Kriegsgefangeschaft verbrachte und erst Jahre sp\u00e4ter frei\u00adkam, wurde seine Familie 1947 aus der Heimat vertrieben. Ihre Irrfahrt endete zu\u00adn\u00e4chst in Sagast, einem kleinen Ort in der Prignitz. Durch Vermittlung des Roten Kreuzes konnte schlie\u00dflich der Aufenthaltsort des Vaters ermittelt werden: K\u00fchlungsborn. Das Gl\u00fcck der nach Jahren wieder vereinten Familie hielt jedoch nicht lange an &#8211; 1952 lie\u00dfen sich die Eltern scheiden. Der Sohn blieb bei der Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Beendigung der achten Klasse durchlief Wolfgang Steidler eine Lehre in Warnem\u00fcnde, um Stahlschiffbauer und Elektroschwei\u00dfer zu werden. Im Anschluss daran blieb er weiter auf der Warnow-Werft besch\u00e4f\u00adtigt. Seine Freizeit widmete er dem Boxsport. Als Mitglied des Armeesport\u00adklubs \u201eVorw\u00e4rts\u201c in Rostock wurde er in seiner Altersklasse mehrfach Bezirksmeister.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Urlaubssaison im Sommer 1961 wurde er zusammen mit seinem zwei Jahre j\u00fcngeren Freund und Schiffbauerkollegen Udo Drake in K\u00fchlungsborn als Ret\u00adtungsschwimmer eingestellt. Der verantwortungsvolle Job am Strand war allgemein begehrt, bot er doch auch die M\u00f6glichkeit, beim weiblichen Geschlecht zu punkten. W\u00e4hrend einer ausgelassenen Tanzveran\u00adstaltung im \u201eCorso\u201c lernten die beiden attraktiven Jungen zwei Obersch\u00fclerinnen aus Schweden kennen, die aus Anlass der internationalen \u201eOstseewoche\u201c nach K\u00fchlungsborn gekommen waren, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Noch am selben Abend \u201everlobten\u201c sie sich zum Spa\u00df. Bis zur Abreise der beiden Schwedinnen verbrachten die vier jungen Leute viel Zeit miteinander. In der Hoffnung, sich irgendwann einmal wieder zu sehen, gingen sie Ende Juli auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 13. August, mitten in die Badesaison hinein, platzte die unerwartete Nachricht vom Mauerbau. Wie viele andere Ostdeutsche auch beschlich die beiden Freunde das starke Gef\u00fchl, auf Dauer im eigenen Land eingesperrt zu sein. Daher beschlossen sie, sich zu ihren schwedischen Freundinnen durchzuschlagen. Ihre urspr\u00fcngliche Idee, mit einem Motorboot abzulanden, verwarfen sie wieder, weil sie bef\u00fcrchteten, sich durch das laute Motorenger\u00e4usch zu verraten. Stattdessen erschien es ihnen ratsam, lieber Udo Drakes altes Paddelboot wieder seet\u00fcchtig zu bekommen. Nach der erfolgrei\u00adchen Reparatur und einer anschlie\u00dfenden Probefahrt kamen sie \u00fcberein, noch am selben Abend in Richtung D\u00e4nemark aufzubrechen. Um sich auf den Wasser orien\u00adtieren zu k\u00f6nnen, kauften sie zwei Kompasse. Wolfgang Steidler hatte ein Fernglas dabei, das vom Rettungsturm stammte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am 29. September 1961, gegen 18.00 Uhr, stachen sie in See. Als Proviant dienten ihnen belegte Br\u00f6tchen, Speck, Schokolade und etwas Selterswasser. In ihrem Boot befanden sich neben pers\u00f6nlichen Papieren und zus\u00e4tzlichen Kleidungsst\u00fccken auch zwei Angeln, um vorgeben zu k\u00f6nnen, lediglich Fische fangen zu wollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sich die Kompasse als unbrauchbares Spielzeug entpuppten, versuchten sich die beiden Bootsfahrer am Stand der Sterne zu orientieren. Unterwegs sichteten sie mehrere Boote der Grenztruppen, denen sie geschickt aus\u00adzuweichen verstanden, indem sie diesen immer nur die unauff\u00e4llige Bugseite zu\u00adwandten. Auf diese Weise gelang es ihnen, die K\u00fcstengew\u00e4sser zu verlassen und hinaus aufs freie Meer zu fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als gegen Mitternacht Wolken aufzogen, mussten sie sich auf ihren Orientierungssinn verlassen. Nachdem im fr\u00fchen Morgengrauen Nebel aufzuziehen begonnen hatte, war dies nicht mehr m\u00f6glich. Da sie sich zu Recht au\u00dferhalb der K\u00fcstengew\u00e4sser w\u00e4hnten, banden sie ihre hellen Pullover an die Paddel, um durch Winken vorbeifahrende Schiffe auf sich aufmerksam zu machen. Da sie damit keinen Erfolg hatten, machen sie an einer im Nebel auftauchenden Boje fest. Dort wurden sie sich von einem pol\u00adnischen Trawler aufgenommen, verk\u00f6stigt und anschlie\u00dfend vernommen. Auf Reede vor Warnem\u00fcnde \u00fcbergab die Besatzung die beiden vermeintlichen \u201eSchiffbr\u00fcchigen\u201c an die DDR-Beh\u00f6rden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Weise gelangten die beiden Freunde direkt in die Untersuchungshaftan\u00adstalt der Staatssicherheit in der Rostocker August-Bebel-Stra\u00dfe. Ihre Schutzbe\u00adhauptung, w\u00e4hrend des Angelns abgetrieben worden zu sein, lie\u00df sich auf die Dauer nicht aufrechterhalten. W\u00e4hrend einer Haussuchung fielen den Ermittlern die Briefe der beiden Schwedinnen in die H\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zweimonatiger U-Haft begann der Prozess vor dem Kreisgericht der Bezirks\u00adstadt. Wolfgang Steidler wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, Udo Drake zu einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Als strafver\u00adsch\u00e4rfend wertete die Kammer im Falle Steidlers den Umstand, dass dieser mit der Mitnahme des Fernglases \u201egesellschaftliches Eigentum\u201c gestoh\u00adlen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zur Verlegung in den Strafvollzug blieben die beiden Verurteilten weiter im Gewahrsam der Staatssicherheit. Erst kurz vor Weihnachten wurden sie in das \u00f6rtliche Haftarbeitslager \u00fcberstellt, das sich im Stadtteil Gehlsdorf befand. Von dort aus pendelten sie t\u00e4glich nach Schwarzenpfost, um dort ein Armeeobjekt zu errichten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Vollzugs begegnete Wolfgang Steidler einem anderen Boxsportler aus Berlin, mit dem er sich gelegentliche \u201eBarackenmeisterschaften\u201c lieferte. Als Boxhandschuhe streiften sie sich Handt\u00fccher um ihre F\u00e4uste.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Juli 1962 wurde Wolfgang Steidler vorzeitig aus der Haft entlassen. Da eine R\u00fcckkehr an seinen Arbeitsplatz zun\u00e4chst nicht m\u00f6glich war, wurde er als Ma\u00adschinenschlosser auf eine Maschinen-Traktoren-Station bei K\u00fchlungsborn geschickt. Als er endlich wieder auf der Werft anfing, bekam der ehemalige Strafgefangene Probleme, nachdem er sich in West\u00addeutschland zwei goldene Verlobungsringe hatte anfertigen lassen, die in der DDR nicht zu bekommen waren. Durch einen geschickt formulierten Brief an den Parteisekret\u00e4r gelang es seiner Verlobten jedoch die Wogen zu gl\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch seine guten Leistungen gelang es dem ehrgeizigen Schiffbauer jedoch, die Vorbehalte seiner Vorgesetzten zu zerstreuen. Er erwarb mehre Aktivistentitel und galt als Para\u00addebeispiel einer gelungenen Wiedereingliederung in die DDR-Gesellschaft. Innerlich blieb er jedoch weiterhin auf Distanz zum System. Als ihn sein Brigadier anl\u00e4sslich einer Maidemonstration dazu bewegen wollte, die DDR-Fahne zu tragen, wies er dies mit den Worten zur\u00fcck: \u201eIhr k\u00f6nnte alles von mir verlangen, aber eure Fahne trage ich nicht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der bitteren Zeit im Arbeitslager hatte Wolfgang Steidler keine weiteren Ambitionen, die DDR zu verlassen. 1964 lie\u00df er sich zusammen mit seiner Familie in Dessau nieder und, um sich sp\u00e4ter dort ein Eigenheim einzurichten. W\u00e4hrend seiner Freizeit bet\u00e4tigte er sich Boxtrainer im Polizeisportverein. Nach der Grenz\u00f6ffnung im Novem\u00adber 1989 bekr\u00e4ftigten sich die Eheleute gegenseitig ihren Willen, f\u00fcr immer in der Heimat zu bleiben. Zur Familie von Udo Drake unterhielten sie nur noch lose Kontakte. Vor einigen Jahren starb der ehemalige Freund in K\u00fchlungsborn.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/liers.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-101\" width=\"500\" height=\"319\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/liers.jpg 1000w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/liers-300x191.jpg 300w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/liers-768x489.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Liers, Werner<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Mit dem Schlauchboot von K\u00fchlungsborn in den Westen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Winter des Jahres 1978 l\u00e4sst auch mit Schnee auf sich warten. Die N\u00e4chte sind wieder l\u00e4nger, mir gehen Gedanken durch den Kopf. Wie komme ich hier raus. Dieses Jahr werde ich einen weiteren Versuch starten, um in die Freiheit zu kommen. Denke immer wieder nach, ob \u00fcber Ungarn, Rum\u00e4nien, Bulgarien oder \u00fcber die Ostsee. Alles ist ein Spiel mit dem Leben. Die Chancen stehen 1:100; bin sehr am \u00dcberlegen, was der beste Weg sein k\u00f6nnte. Im Sommer ist es warm, doch die N\u00e4chte wieder kurz; im Winter kalt, die N\u00e4chte l\u00e4nger. Die Wochen vergehen. Das harte Training beim Jodo und Boxen, die Belastungen w\u00e4hrend der ganzen Woche, vier, manchmal f\u00fcnf Mal Training nimmt man auf sich. Der K\u00f6rper hat sich daran gew\u00f6hnt und man kommt nicht zum Gr\u00fcbeln. F\u00fcr was eigentlich das alles? Man kann den Urlaub nicht dort verbringen, wo man gerne m\u00f6chte. Das, was man braucht, gibt es nicht zu kaufen; nur durch Beziehungen kann man Gl\u00fcck haben. Hungern braucht man nat\u00fcrlich nicht, aber was n\u00fctzt das. Das Einzige, was mir noch Spa\u00df macht, ist der Sport, wodurch ich auch viel Freude habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Am liebsten w\u00fcrde ich mich nochmal bei der Handelsmarine bewerben; ob die mich diesmal nehmen? Eine unbegr\u00fcndete Absage habe ich schon. Trotzdem bewarb ich mich nochmals, musste wieder Fotokopien von Zeugnissen und Versicherungsausweis machen lassen, zum Zahnarzt und viele andere Wege.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit vergeht, es ist M\u00e4rz geworden. Ich bekomme Post vom \u201eHansa-Haus\u201c -wieder eine Absage!! Auch diesmal keine Begr\u00fcndung. Jetzt reicht es mir aber, ich gehe zum Telefon und rufe an! Eine Sekret\u00e4rin nimmt den H\u00f6rer ab und sagt mir: \u201eAm Telefon geben wir keine Auskunft\u201c. Erneut schreibe ich einen Brief. Als Antwort bekam ich: \u201eSie k\u00f6nnen eine Einstellung nicht erzwingen und es werden nur solche eingestellt, die sich gesellschaftlich bet\u00e4tigen\u201c. In meinem Lebenslauf hatte ich genau angef\u00fchrt, dass ich 30 Kinder und Jugendliche trainiere, das Wochenende mit Ihnen zu Wettk\u00e4mpfen fahre und als Bezirkskampfrichter auch noch an meinen freien Wochenenden unterwegs bin, meistens kostenlos. Alles dies wird nicht akzeptiert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich wieder an einem Tiefpunkt angelangt; es hat f\u00fcr mich doch keinen Sinn hier. Es wird mir sehr, sehr schwer fallen, mich von meinen Eltern, Geschwistern, Verwandten, Freunden und Bekannten zu trennen, doch in so einem Staat, wo man unter Zwang steht, kein freier Mensch ist, m\u00f6chte ich nicht bis zum letzten Tag leben. Nur arbeiten und rote Lieder h\u00f6ren, das h\u00e4lt man nicht lange aus.<\/p>\n\n\n\n<p>14 Tage sind es noch bis Ostern. Zuf\u00e4llig traf ich einen Bekannten. Wir kamen ins Gespr\u00e4ch, tranken nebenbei ein paar Bier. Er sagte mir, ich komme im Mai zur Armee, habe aber gar keine Lust. Ich wusste, dass er schon mal mit 14 Jahren versucht hatte zu fl\u00fcchten, in einem Zug. Er wurde aber schon vor der Grenze festgenommen und bekam Bew\u00e4hrung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls erkl\u00e4rte er mir, dass auch er am liebsten noch mal eine Versuch unternehmen w\u00fcrde. Da ich schon im Laufe der letzten zwei Jahre Erfahrungen gesammelt hatte, machte ich nach langem Hin und Her den Vorschlag, mit einem Schlauchboot \u00fcber die Ostsee zu paddeln. Es muss allerdings bald sein, da jetzt die N\u00e4chte noch einigerma\u00dfen lang sind. Wir berieten und wollten Ostern an die Ostsee fahren. Ich besorgte ein Schlauchboot, er sollte sich bei der Autovermietung um ein Auto k\u00fcmmern. Acht Tage sp\u00e4ter trafen wir uns wieder, das Schlauchboot hatte ich, nur mit dem Auto sollte es erst eine Woche nach Ostern klappen. Uns blieb also nichts anderes \u00fcbrig, als die Sache zu verlegen und so kamen wir auf den 30. M\u00e4rz 1978.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Arbeit meldete jeder auf seine Weise Urlaub an. Wir hatten den Donnerstag ausgesucht. Achim hatte fr\u00fch das Auto abgeholt, ich arbeitete noch bis Mittag. Gegen 13.30 Uhr ging ich zu Fu\u00df an einen ausgemachten Platz, brauchte nicht lange und es kam Achim mit dem Moskwitsch. Wir hatten das Schlauchboot, welches ich im Laufe der Woche schwarz gestrichen hatte; auch die Paddel bekamen schwarze Farbe. Vorsichtig verstauten wir alles im Kofferraum, schlossen ab und fuhren los. Als wir durch die Stadt fuhren, sah ich zum letzten Mal meinen Vater auf seinem Fahrrad. Er erkannte auch mich, wir winkten uns zu. Er wusste jedoch nicht, dass ich nicht mehr zur\u00fcckkommen wollte und w\u00fcrde. Mir standen die Tr\u00e4nen in den Augen, denn ich wusste, entweder ich schaffe es oder werde festgenommen (5 Jahre Knast) oder erschossen bzw. ertrinke. F\u00fcr mich war innerlich alles klar; dachte mehr an Eltern und Geschwister, sowie meine beiden Nichten. Ich wollte niemandem \u00c4rger machen, doch frei wollte ich sein und meinen Angeh\u00f6rigen helfen. Dies ging mir alles durch den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fuhren schon vier Stunden, waren noch auf der Autobahn, das Benzin wurde weniger. Achim lenkte unser Auto an die Tankstelle. Der Tank wurde vollgemacht, wir wechselten die Pl\u00e4tze und ich fuhr weiter. Nach weiteren zwei Stunden kamen wir nach Schwerin, hatten beide Hunger bekommen und beschlossen, noch einmal sch\u00f6n Essen zu gehen. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. In der Gastst\u00e4tte bestellten wir jeder ein Schnitzel mit Salat. Es schmeckte ganz gut. Nebenbei tranken wir noch eine Cola.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 30 Minuten ging unsere Fahrt weiter. Wir hatten keinen festen Ort ausgemacht. Die Stra\u00dfe f\u00fchrte uns nach Rerik. Es dunkelte an diesem 30. M\u00e4rz. Wir wollten in den Ort fahren, lasen aber am Ortseingang ein Schild, auf dem stand: \u201eParkverbot im Inneren des Dorfes\u201c. Trotzdem fuhren wir hinein, sahen aber kein Wasser. Wir fuhren zweimal durch das Dorf. Unsere Herzen schlugen schneller, als wir im R\u00fcckspiegel ein Auto sahen, welches hinter uns her fuhr. Achim sa\u00df wieder am Steuer. Ich hatte eine Karte in der Hand und verglich. Er trat aufs Gaspedal, fuhr aus Versehen in eine falsche Stra\u00dfe, welche zu einer Kaserne f\u00fchrte. Er wurde nerv\u00f6s, wollte wenden, w\u00fcrgte das Auto dreimal ab. Dass war mir auch zu viel. Ich schrie ihn an; endlich ging die Fahrt wieder zur\u00fcck, aus Rerik auf die Landstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 120 km\/h rasten wir auf der holperigen Stra\u00dfe in Richtung K\u00fchlungsborn. Das Auto war gl\u00fccklicherweise nicht mehr zu sehen, wir mussten aber trotzdem mit Ausweiskontrollen rechnen. Gegen 21.00 Uhr kamen wir in K\u00fchlungsborn an, fuhren die Hauptstra\u00dfe entlang und konnten die Ostsee sehen. Rechts von uns war der kleine Waldstreifen und links standen Gastst\u00e4tten sowie Hotels. Wir staunten, dass um diese Jahreszeit so viel los war. \u00dcberall brannte Licht. Unser gemietetes Auto lenkten wir sofort auf einen der Parkpl\u00e4tze zwischen den Hotels. Wir stellten unser Auto neben zwei Andere ab. Zu Fu\u00df, bei Dunkelheit setzten wir unseren Weg zum Strand fort. Schlendernd gingen wir \u00fcber die Stra\u00dfe, gaben uns M\u00fche, nicht aufzufallen. Zwei, drei Passanten begegneten uns. Ein schmaler Weg f\u00fchrte zwischen Str\u00e4uchern und B\u00e4umen zur Promenade von K\u00fchlungsborn. Ganz vorsichtig beobachteten wir den Strand, das Wasser und den Weg, auf dem wir entlang gingen. Keine Menschen konnten wir entdecken. Die Leuchtbojen sandten uns ihren Lichtschein im Wechsel entgegen. Der Leuchtturm Bastorf gab seinen grellen Schein bis weit hinaus auf die See.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach etwa 15 Minuten teilte ich Achim meinen Entschluss mit, die Flucht von da aus, wo wir standen, etwa Mitte der Promenade zu beginnen. Wir drehten uns um, liefen ganz langsam den gleichen Weg zum Auto zur\u00fcck. Ein Mann begegnete uns, ging aber ohne uns zu beachten, weiter. Ins Auto eingestiegen, fuhren wir durch K\u00fchlungsborn, aus der Ortschafts raus, bogen von der Hauptstra\u00dfe in eine Waldschneise nach rechts ab und stoppten. Das Licht von den Scheinwerfern wurde ganz schnell ausgemacht. Einen Moment blieben wir ganz ruhig im Wagen sitzen. Erst dann, als wir merkten, dass sich nichts bewegte, stiegen wir aus. Jeder hatte eine ganz kleine Taschenlampe (Streichholzschachtelformat). Der Kofferraum wurde ge\u00f6ffnet, jeder von uns Beiden holte sich seine Sachen raus, lange Unterw\u00e4sche, 1 Pullover, 2 Jacken. Etwa f\u00fcnf Minuten vergingen und wir waren fertig. Achim hatte Hosen aus Gummi, ich hatte meine neue Levis(-Jeans) an. Wir einigten uns, dass ich das Schlauchboot und die Paddel auf den Scho\u00df nehme und er das Auto f\u00e4hrt. Jeder hatte seinen Kompass. Ich hatte ihn in einem Brotbeutel fest verschn\u00fcrt um den Hals geh\u00e4ngt. Handschuhe f\u00fcr Beide und meine Pudelm\u00fctze waren mit im Boot eingewickelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit leichtem Herzpochen stiegen wir ins Auto ein. Wie abgemacht, hatte ich das Schlauchboot und die Holzpaddel sowie zwei Plastepaddel zu einem B\u00fcndel auf dem Scho\u00df. In K\u00fchlungsborn eingefahren, ging es durch die Stadt zur Promenade. Wir fuhren langsam und blickten nach allen Richtungen. Im Moment waren kein Auto und kein Fu\u00dfg\u00e4nger von uns zu sehen. Achim trat auf die Bremse, blitzschnell sprang ich mit dem gro\u00dfen B\u00fcndel aus dem Auto, rannte in den von mir 10 m entfernten Waldstreifen und warf mich auf den Bauch. Achim war nicht mehr zu sehen. Er fuhr das Auto wieder an die alte Stelle. Zwischen B\u00fcschen wartete ich, ob er wiederkommt oder vielleicht auch nicht. Zehn Minuten etwa verflogen, dann kam er die Stra\u00dfe entlang. Ich beobachtete ihn und als er nahe genug heran war, pfiff ich leise. Schnell kam er zu mir. Beide lagen wir auf dem Bauch und beobachteten zuerst die Stra\u00dfe und die beleuchteten Fenster. Danach krochen wir bis nahe zum Strand. Die letzten B\u00e4ume und B\u00fcsche sch\u00fctzten uns in der Dunkelheit. Wir beobachteten die Promenade und den Strand sowie die See. Die Herzen schlugen ganz sch\u00f6n.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sagte: \u201eDu beobachtest weiter und ich pumpe das Boot auf\u201c. Vorsichtig rollte ich das Paket auseinander, steckte die Paddel zusammen und wollte das Boot aufpumpen. Nerv\u00f6s suchte ich die Pumpe; sie war nicht zu finden. Wir hatten sie in der Eile vergessen. Ich teilte es Achim mit, dass wir aufblasen m\u00fcssen. Auf dem Bauch liegend, suchte ich den Nippel und fing mit dem Pusten an. Als mir schwarz vor Augen wurde, l\u00f6ste er mich kurz ab. Es dauerte mir zu lange. Wieder l\u00f6sten wir uns ab. Nach etwa einer halben Stunde hatten wir die Luft drauf. Ganz kurz verschnaufen, ein Perlonseil, welches ich am Boot befestigte, wurde in die Hand genommen und das Boot auf dem Bauche kriechend mit den Paddeln drin \u2013 einer vorn, einer hinten \u2013 mitgezogen bzw. leicht angehoben bis nahe zum Wasser getragen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wellen kamen uns in einer H\u00f6he von etwa 1,30 m entgegen. Das Rauschen des Wassers verschluckte unseren kurzen Wortwechsel. Ich sprach ihn an: \u201eRein ins Wasser.\u201c Er begriff es nicht so richtig, so schupste ich ihn vor mir her. Nachdem wir etwas drinnen waren, stieg Achim vorn ein, ich hinten. Bevor wir zum Paddeln kamen, war unser leichtes Boot wieder fast an den Strand getrieben worden. Achim paddelte und ich stie\u00df uns hinten ab. So kamen wir langsam vom Strand weg. Der Leuchtturm von K\u00fchlungsborn Bastorf warf seine Lichtkegel bis weit auf die See. Die Leuchtbojen blinkten im Wechsel. Mehrmals krachten unsere Paddel zusammen, der Rhythmus fehlte. Wir hatten noch nie zusammen ge\u00fcbt. Wir waren etwa 300 m vom Strand entfernt, als es im Boot sehr nass wurde. Wir tasteten die linke Seite ab und mussten feststellen, dass nur noch die H\u00e4lfte Luft drauf war. Wir sa\u00dfen im Nu bis zum Bauch im Wasser &#8211; Temperatur des Wassers etwa 6-10 Grad Celsius.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur gleichen Zeit ging ein Scheinwerfer vom Land an, er strahlte sein Licht genau auf uns. Ich schrie: \u201eNicht bewegen, nicht paddeln.\u201c Der Scheinwerfer ging wieder aus. Nach etwa einer Minute ging er wieder an; dass Ganze ging drei bis vier Mal. Wir nahmen stark an, dass wir jetzt gesehen wurden; dachten, dass man gleich auf uns schie\u00dfen w\u00fcrde. Achim fing auch noch an: \u201eWir schaffen es nicht, probieren es morgen noch mal und m\u00fcssen zur\u00fcck.\u201c Meine Antwort war: \u201eDas St\u00fcckchen kannst Du zur\u00fcckschwimmen \u2013 wenn, dann soll man mich auf See einfangen. Er blieb sitzen. So paddelten wir, so schnell wir konnten, den Leuchtbojen entgegen. Wir wollten genau in der Mitte der Bojen durch, um dem sich drehenden Licht auszuweichen. Pl\u00f6tzlich flammte wieder ein Scheinwerfer auf, diesmal von See aus uns entgegen. Der Lichtkegel erfasste uns nicht, wir hatten Gl\u00fcck. Dort lag ein Grenzboot vor Anker. Wir wichen aus, in dem wir Richtung Westen paddelten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa eine halbe Stunde darauf sahen wir kein Land und keinen Leuchtturm mehr. Die K\u00e4lte machte sich schon an unseren Beinen und Fingern zu schaffen. Achim hielt das Tempo nicht mehr mit, versuchte unseren Rhythmus durch Ausrufe \u201eLinks \u2013 Rechts\u201c usw. zu behalten. Eine Taschenlampe im Streichholzformat half uns auf unserem Kompass die Richtung zu bestimmen und beizubehalten. Nach etwa drei Stunden Fahrt lie\u00df uns L\u00e4rm auf See aufhorchen. Wir sahen in gr\u00f6\u00dferer Entfernung einen Frachter in Richtung Westen fahren. Da unsere Beine und H\u00e4nde schon steif waren, einigten wir uns, mit unseren L\u00e4mpchen zu leuchten. Ohne einen geringsten Ansto\u00df zu nehmen, fuhr der Frachter weiter; es sollte nicht sein. Wir k\u00e4mpften eine weitere Stunde gegen die Wellen und K\u00e4lte an. Unser Mut sank etwas. Doch wenig sp\u00e4ter h\u00f6rten wir wieder die Ger\u00e4usche eines Schiffsmotors. Es gab uns neue Hoffnung. Als wir das Schiff (einen Tanker) endlich sahen, war es schon zu weit in Richtung Westen. Unser Winken und Rufen half nichts, wir hatten kein Gl\u00fcck. Achim lag im Boot &#8211; seine Worte: \u201eIch kann nicht mehr\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wut in mir lie\u00df meine Kr\u00e4fte verdoppeln. Achim leuchtete auf seinen Kompass und sagte: \u201eWir sind in der falschen Richtung.\u201c Jetzt wurde ich auch nerv\u00f6s, schaute auf meinen Kompass &#8211; nach ihm stimmte es. Da mein Kompass in einem Brotbeutel eingewickelt war, so dass keine Feuchtigkeit ran konnte, paddelten wir nach diesem weiter Richtung Nord &#8211; Nordwest. Mittlerweile war es schon ca. 7.oo Uhr. H\u00f6here Wellen und Motorger\u00e4usche lie\u00dfen uns aufhorchen und Ausschau halten. Was war das? In etwa 800 m Entfernung bewegten sich Grenzboote. Da ich diese schon von meiner Armeezeit her kannte, wusste ich gleich, die sind aus der DDR, fuhren auch in Richtung S\u00fcdosten. Jetzt war auch mein Mut, die Hoffnung es doch noch zu schaffen, in die Freiheit zu kommen, auf dem Nullpunkt angekommen. \u00c4rgerlich und gleichg\u00fcltig sagte ich: \u201eJetzt kannst Du die Paddel weglegen. Eins von den mittlerweile sechs aufgetauchten Booten wird uns holen.\u201c Wir sa\u00dfen ruhig, auf einmal fing Achim an: \u201eBesser von denen aufgenommen zu werden, als erfrieren oder ertrinken. F\u00fcnf Jahre Knast gehen vorbei.\u201c Seine Frage, ob er mit dem Paddel winken solle, lie\u00df mich fast verzweifeln. \u201eWenn Du das machst, werfe ich Dich ins Wasser\u201c, war meine Antwort.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Augen stierten in Richtung der Boote. Eins nach dem anderen fuhr vorbei, immer weiter entfernten sie sich. Als nichts mehr von Ihnen zu sehen war, legten wir uns beide nochmals rein; es gab uns etwas neuen Mut. Ich trat vor Erl\u00f6sung mit den Beinen in sein Kreuz, es sollte ihn aufmuntern und etwas W\u00e4rme bringen. Wieder vergingen 30 Minuten. Etwas zuf\u00e4llig drehte ich mich um und sah ein Grenzboot, welches auch nach Norden fuhr. Es war noch weit weg. Trotzdem schrie ich los: \u201eNach Westen und dann nach S\u00fcden paddeln.\u201c Wir zogen durch, was die letzten Kr\u00e4fte hergaben. Auch dieses Grenzboot der \u201eZone\u201c zog vorbei bis wir es nicht mehr sahen. Wir drehten ab und paddelten den alten Kurs Nord-West \u2013 diesmal mehr nach Westen. Die K\u00e4lte nagte an unseren Knochen, mit unseren Kr\u00e4ften ging es langsam aber sicher zu Ende. Wir sp\u00e4ten immer wieder und hofften, ein Boot aus dem Westen oder D\u00e4nemark zu sehen. Pl\u00f6tzlich fing Achim an: \u201eDort, dort, ein Mast.\u201c Als ob wir auf einer Kugel paddelten, wir sahen in einiger Entfernung nur den Mast eines Schiffes. Wir waren uns diesmal einig, darauf zuzuhalten; gaben unser Letztes, um m\u00f6glichst schnell heranzukommen und zu sehen, was uns dort erwartete. Ein wei\u00dfes Boot sahen wir; es war ein Fischerboot. Zwei Mann an Bord hatten uns auch schon entdeckt. Sie riefen uns zu: \u201eWoher kommt Ihr?\u201c Wir riefen zur\u00fcck: \u201eWoher seid Ihr.\u201c Die Antwort war: \u201eAus Westdeutschland\u201c. Die Freude, die in uns stieg, k\u00f6nnen sich nur die vorstellen, die gleiches oder \u00e4hnliches erlebt haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch pl\u00f6tzlich sahen wir von der anderen Seite ein Grenzboot, es musste dies sein, welches uns \u00fcberholt hatte. Es kam zur\u00fcck. Die beiden M\u00e4nner an Bord spornten uns an und riefen, wir sollen uns beeilen, sonst sind wir verloren. Die Freude war nur von kurzer Dauer, wir gaben das Allerletzte, kamen an die Breitseite des Fischerbootes. Das Seil, welches wir am Boot befestigt und um Achims Bauch gelegt hatten, warfen wir den M\u00e4nnern an Bord zu. Achim wurde zuerst hochgezogen, dann war ich dran. Wir konnten nicht mehr richtig auf den Beinen stehen, fielen in die Fische, die an Bord waren. Die M\u00e4nner zogen das Boot hoch und halfen uns in ihre Kabine unter Deck. Sie zogen uns die nassen Sachen aus. Wir konnten keinen Knopf mehr \u00f6ffnen, waren aber die gl\u00fccklichsten Menschen der Welt. Wir bekamen hei\u00dfen Kaffee und lange Hemden zum Anziehen. Dann krochen wir in die Kojen. Die M\u00e4nner machten Feuer im Heizofen und obwohl das Zittern am ganzen K\u00f6rper noch lange anhielt, wurde uns ganz langsam w\u00e4rmer. Die M\u00e4nner hatten an Bord zu tun, sie mussten noch die Netze einholen. Nach zwei Stunden gingen wir an Deck zum Pinkeln; es war gar nicht so einfach auf dem schwankenden Kutter. Tief durchatmend genossen wir die Luft im Westen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen 1.00 Uhr kamen wir in Neustadt\/Holstein an und wurden beim Bundesgrenzschutz (BGS) abgeliefert. Freundliche Leute boten uns hei\u00dfen Tee und zu Essen an. Aus Freude schenkten wir den beiden M\u00e4nnern, welche unsere Lebensretter waren, unsere Kompasse, jeder seinen und zwei F\u00fcnfmark-St\u00fccke aus dem Osten. Mehr hatten wir nicht. Vom BGS kamen Matrosen und brachten uns Trainingsanz\u00fcge, welche wir \u00fcberzogen und anschlie\u00dfend gingen wir in ein Geb\u00e4ude, wo schon ein Arzt auf uns wartete. Er untersuchte uns und meinte, zwei Stunden noch, dann w\u00e4re nicht mehr viel zu machen gewesen. Ein Becken mit hei\u00dfem Wasser, in dem wir uns l\u00e4ngere Zeit aufhielten, lie\u00df unser Blut wieder w\u00e4rmer werden. Danach ging der \u00fcbliche Weg, welcher f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge vorgeschrieben war, weiter. Wir kamen nach L\u00fcbeck, Hamburg und Gie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<h3>Wolter, Manfred (Pseudonym)<\/h3>\n\n\n\n<p>ehemaliger Wehrdienstleistender&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 7. Dezember 2007 in K\u00fchlungsborn&nbsp;<\/li><li>Handschriftliche Aufzeichnungen von Manfred Wolter<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Manfred Wolter, geboren 1954 bei Magdeburg, durchlief seiner eigenen Einsch\u00e4tzung nach eine \u201etypische DDR-Entwicklung\u201c ohne \u201ebesondere Highlights\u201c. Im Anschluss an seine zehnj\u00e4hrige Schulzeit absolvierte er eine Berufsausbildung als Baufach\u00adarbeiter mit Abitur, um nach Ableistung des Wehrdienstes 1975 ein Studium an der Ingeni\u00adeurhochschule in Cottbus aufzunehmen. Dort qualifizierte er sich zum Bauingenieur und arbeitete bis zur \u201eWende\u201c in diesem Beruf. W\u00e4hrend dieser Zeit arbeitete er am Aufbau des geplanten Kernkraftwerkes in Stendal mit, das nach russischer Bauart errichtet werden sollte. Infolge der weiteren Entwicklung nach 1989 wurde das Werk jedoch nie an das Stromnetz angeschlossen. An der Ab\u00adwicklung des Kernkraftwerkes war Manfred Wolter dann ebenfalls beteiligt. Als Vertriebsleiter einer hessischen Firma, die Baustoffe in die neuen Bundesl\u00e4nder ver\u00adtreibt, h\u00e4lt er der Baubranche aber immerhin bis heute die Treue.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Grenzregime an der DDR-Ostseek\u00fcste schloss Manfred Wolter eher unfreiwillig Bekanntschaft. Wie alle anderen jungen m\u00e4nnlichen DDR-B\u00fcrger, die dem Ende ihrer Berufsausbildung entgegensa\u00adhen, er\u00adhielt er im Sommer 1973 den Einberufungsbefehl zum Grundwehrdienst. Darin wurde der damals 19-j\u00e4hrige aufgefordert, sich zu einem bestimmten Termin auf dem Bahnhof seiner Heimatstadt einzufinden. Zusammen mit anderen Einberufenen, die wie er selbst die Musik der Rolling Sto\u00adnes h\u00f6rten und lange Haare trugen, fuhr er zun\u00e4chst nach Ros\u00adtock. Unter dem Einfluss alkoholischer Getr\u00e4nke malte sich seine Reisegesellschaft aus, was in den n\u00e4chsten Wo\u00adchen und Monaten wohl auf sie zuk\u00e4me. Die bevorstehende Zeit mutete ihnen wie eine Art Abenteuer an.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Rostocker Hauptbahnhof wurden die jungen M\u00e4nner in Zivil von blau uniformierten Offizieren in Empfang genommen. In ihrer Begleitung fuhren sie mit dem Zug weiter in die Kreisstadt Bad Doberan und von dort aus mit der Dampflock \u201eMolli\u201c ins zw\u00f6lf Kilometer entfernte K\u00fchlungsborn. Vom Bahnhof K\u00fchlungsborn-West aus wurden sie direkt zum nahe gelegenen Ausbildungsbataillon der 6. Grenzbrigade K\u00fcste geleitet. Zwar kannte Manfred Wolter das gr\u00f6\u00dfte Ostseebad der DDR aus Erz\u00e4hlungen, hatte aber keine Vorstellung davon, was ihn hier erwarten w\u00fcrde. Dass es auch an der K\u00fcste eine Grenze gibt, war ihm zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst. Als Kind hatte er Ferien zwar schon auf Usedom verbracht. An besondere Einschr\u00e4nkungen dort konnte er sich aber nicht erinnern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihm war die Existenz der Grenze auch noch nicht so richtig klar, als er in seiner Einheit ankam: \u201e\u201aGrenzbrigade K\u00fcste\u2019 \u2013 Nach dem Motto: Was ist denn hier eigent\u00adlich die Grenze?\u201c Da die malerische Ostseek\u00fcste auf dem ersten Blick so gar keine \u00c4hnlichkeit mit der durch Mauer und Stacheldraht gesicherte \u201egr\u00fcne Grenze\u201c aufwies, besch\u00e4f\u00adtigte ihn vor allem die Frage, was pers\u00f6nlich auf ihn zukommen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits fr\u00fchzeitig trafen die Ausbilder eine Entscheidung \u00fcber die milit\u00e4rische Ver\u00adwendung und den k\u00fcnftigen Einsatzort ihrer Sch\u00fctzlinge. Deren Meinung z\u00e4hlte freihlich nicht. Urspr\u00fcnglich sollte Manfred Wolter \u201eSign\u00e4ler\u201c werden. Als solcher h\u00e4tte er die Aufgabe gehabt, milit\u00e4rische Nachrichten \u00fcber weitere Entfernungen mittels Flaggensignalen zu lesen bzw. selbst weiterzugeben. Nachdem sich binnen einer Woche herausstellt hatte, das eines seiner Augen re\u00adlativ sehschwach war, wurde entscheiden, den jungen Mann zum Milit\u00e4rkraftfahrer auszubilden. Nach\u00addem sich dessen Sehschw\u00e4che aber auch f\u00fcr diese Verwendung als nachteilig heraus\u00adstellte, wurde er den so genannten \u201eSandlatschern\u201c zugeteilt, die f\u00fcr Streifeng\u00e4nge an der K\u00fcste vorgesehen waren. Laut Auskunft Wolters beschr\u00e4nkte sich seine Ausbildung auf milit\u00e4ri\u00adschen Drill und \u201eandere Dinge, die die Welt nicht braucht\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bedingt durch seine mehrfach ge\u00e4nderte Laufbahnausbildung musste Wolter binnen sechs Wochen zweimal umziehen. Auf diese Weise lernte er immer wieder neue Leute kennen, in denen er keineswegs nur linientreue Kader, sondern einen normalen \u201eQuerschnitt der DDR-Bev\u00f6lkerung\u201c erkennen konnte. W\u00e4hrend einiger Gespr\u00e4che stellte er fest, dass hier selbst solche Leute Dienst taten, die alles andere als staatsnah waren, aber dennoch ihren Befehlen folgten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als aktiver Fu\u00dfballer des Armessportvereins \u201eVor\u00adw\u00e4rts\u201c hatte er die M\u00f6glichkeit, an Ausw\u00e4rts\u00adspielen teilzunehmen und die Einheit zu verlassen. Ansonsten beschr\u00e4nkten sich seine Kontakte \u201enach drau\u00dfen\u201c w\u00e4hrend der Grundausbildung nur auf Briefe. Weder seine Familie noch die Familien seiner Freunde ver\u00adf\u00fcgten damals \u00fcber einen Telefonanschluss.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erst w\u00e4hrend der \u00f6ffentlichen Vereidigung in Bad Doberan bot sich erstmals wieder die Gelegenheit, die Freundin und die Eltern in die Arme zu schlie\u00dfen. Mitte Dezember 1973, fr\u00fcher als eigentliche geplant, folgte die Versetzung zur 6. Grenzkompanie nach K\u00fchlungsborn-Ost. Offenbar ben\u00f6tigte man hier dringend neues Personal, um die Feiertagsdienste absichern zu k\u00f6nnen. Mit dem Wechsel innerhalb der Stadt begann f\u00fcr Manfred Wolter der \u201enormale\u201c Alltag als Grenzer. \u201eDas war eine Konfrontation mit der Wirklichkeit. Wegen der vollst\u00e4ndi\u00adgen Ausr\u00fcstung mit dem Maschinengewehr habe ich mir dann schon gedacht, dass jetzt der ganze Mann von Dir verlangt wird.\u201c Dennoch w\u00e4re er damals zu unreif gewesen, um die politische Dimension seines Tuns erfassen zu k\u00f6nnen. \u201eVielleicht lag ich da sogar nicht \u00fcber dem Durchschnitt, um das mal vorsichtig zu betrachten. Ich war naiv und&nbsp; habe mir um alle anderen Dinge mehr Gedanken gemacht als dar\u00fcber.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend den Regeln des Grenzdienstes erfolgten die Streifeng\u00e4nge nur nachts. Am Tage waren daf\u00fcr die zur Grenzkompanie geh\u00f6renden Beobach\u00adtungst\u00fcrme in Rerik, K\u00fchlungsborn, B\u00f6rgerende und Warnem\u00fcnde besetzt. Ansonsten \u201e[\u2026] kontrolliert sich die Grenze [tags\u00ad\u00fcber] selbst \u2013 durch Touristen, freiwillige Helfer, ABV [Abschnittsbevollm\u00e4chtigte der Volkspolizei] und andere.\u201c Die Grenzposten fungierten praktisch als letzte H\u00fcrde auf dem Weg zum offenen Meer. Ihr Auftrag lautete, \u201eGrenz\u00addurchbr\u00fcche\u201c von beiden Seiten zu verhindern. So genannte Anlandungen kamen zwar vor, aber nur sehr selten. Mitunter verirrten sich private Sportboote westlicher Herkunft und strandeten dann im Osten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als die Streifendienste galten die Turmdienste als weniger anstrengend. Besonders w\u00e4hrend der Wintermonate machte es sich bezahlt, den Dienst bei Tage in der beheizten Kanzel zu verbringen, als nachts bei oftmals rauem Wind und klirrender K\u00e4lte das Ufer abzusuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Auskunft von Manfred Wolter waren die vier \u201eB-T\u00fcrme\u201c der Grenzkompanie zu \u201eseiner\u201c Zeit mit jeweils nur einem Posten besetzt. Letzterer war verpflichtet, \u00fcber s\u00e4mtliche Kurs\u00e4nderungen von Schiffen, einschlie\u00dflich Fischerkuttern und Booten der Volksmarine, Buch zu f\u00fchren. Dazu bedurfte es der F\u00e4higkeit, Ent\u00adfernungen zu sch\u00e4tzen und Gradzahlen eindeutig bestimmen zu k\u00f6nnen. Besondere Beobach\u00adtungen mussten \u00fcber eine Wechselsprechanlage an die Grenzkompanie weiter ge\u00admeldet werden. Unabh\u00e4ngig davon waren die Turmposten dazu angehalten, sich im 30-Minuten-Abstand zu melden, um die Meldung \u201eLage normal\u201c abzusetzen. Als Turm\u00adposten wurden aber nur solche Matrosen eingesetzt, denen die Vorgesetzten ein Mindestma\u00df an intellektuellen F\u00e4higkeiten und eine gewissenhafte Dienstdurchf\u00fch\u00adrung zutrauten. Als Abiturient geh\u00f6rte Manfred Wolter zwangsl\u00e4ufig zu diesem Kreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Da eine von den Grenzern zu verhindernde Ablandung ab Seest\u00e4rke vier (m\u00e4\u00dfig bewegte See) bereits als aussichts\u00adlos, eine Anlandung dagegen noch als m\u00f6glich galt, waren die B-T\u00fcrme in Rerik, K\u00fchlungs\u00adborn und B\u00f6rgerende bei einer Seest\u00e4rke von eins (vollkommen glatte See) bis drei (leicht bewegte See) nur sporadisch, ab Seest\u00e4rke vier dagegen obligatorisch besetzt. lediglich der Warnem\u00fcnder Turm verf\u00fcgte \u00fcber eine st\u00e4ndige Besatzung. Der dazugeh\u00f6rige Grenzabschnitt Stolteraa bildete insofern einen Schwerpunkt, als dass hier ausl\u00e4ndische Schiffe in Sichtweite auf Reede lagen und schwimmend gut zu erreichen waren. Aus der Perspektive der n\u00e4chtlichen Au\u00dfenposten ergab sich bei hoher Seest\u00e4rke ebenfalls der Vorteil, dass sie bei hohen Seest\u00e4rken nachts zwar nicht Streife gehen, daf\u00fcr am n\u00e4chsten Morgen aber das angesp\u00fclte Strandgut auf verd\u00e4chtige Spuren inspizieren mussten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Dienste dauerten zw\u00f6lf Stunden. Die Mahlzeiten wurden vor Dienstantritt bzw. nach Dienstschluss eingenommen. Sofern der Posten auf dem B-Turm w\u00e4hrend seines Dienstes aus\u00adtreten musste, verlie\u00df er kurzzeitig die Kanzel, um zu ebener Erde inmitten von Buschwerk sein \u201eGesch\u00e4ft\u201c zu verrichten. Oben gab es keinen Stuhl, um sich hinzusetzen. Man musste stehen. Sofern er sich \u00fcber Stunden unbeobachtet w\u00e4hnte, konnte er sich heimlich und schlafen, sofern er seinen Partner am anderen Ende der Wechselsprachanlage kannte und entsprechende Vorabspra\u00adchen getroffen hatte. Derartige Kontakte waren vor allem dann hilfreich, wenn die diensthabenden Offiziere Kontrollg\u00e4nge unternahmen. Als akustische Warnung gen\u00fcgte die Erzeugung eines dreimaligen Knackens, das immer dann entstand, wenn die Sprechanlage mehrfach kurz hintereinander bet\u00e4tigt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Streifeng\u00e4nger der 6. Grenzkompanie, im Schnitt 30 an der Zahl, wurden per LKW gleichm\u00e4\u00dfig entlang der 40 Kilometer lan\u00adgen Strecke zwischen Rerik und der Warnem\u00fcnder Westmole verteilt. Es gab verschiedene M\u00f6glichkeiten der Dienstdurchf\u00fchrung. Die g\u00e4ngige Form bestand darin, zwei Posten zusammen auf Streife zu schicken. Jedes Postenpaar erhielt einen Sicherungsabschnitt zugeteilt. Einem von beiden wurde die Funktion des Postenf\u00fchrers \u00fcbertragen, der andere fungierte als einfa\u00adcher Posten. Unterschiede zwischen den Dienstgraden bestanden in der Regel aber nicht. Nach einem Jahr wurde die \u00fcberwiegende Mehrzahl der Matrosen im Grund\u00adwehrdienst zu Obermatrosen bef\u00f6rdert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weniger gebr\u00e4uchliche Variante der Dienstdurchf\u00fchrung bestand darin, Gruppen von jeweils sechs Matrosen die Verantwortung einem entsprechend gr\u00f6\u00dferen Abschnitt zuzuteilen. W\u00e4hrend vier Mann als Einzelposten ihren Dienst verrichten mussten, lief der Gruppenf\u00fchrer in Begleitung eines weiteren Mannes von einem zum anderen, um ihnen jeweils mittels Auswechselung durch seinen Begleiter einen neuen Standort zuzuweisen. Erleichtert wurden die Streifendienste am Strand durch m\u00e4chtige Suchscheinwerfer, die auf Milit\u00e4rfahrzeugen russischer Bauart montiert waren, die nach einem festgelegten Schl\u00fcssel sowohl die K\u00fcste als das Wasser mittels eines breiten Lichtkegels ableuchte\u00adten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sensible Punkte, die wie die Schleuse zwi\u00adschen Heiligendamm und B\u00f6rgerende als Versteck f\u00fcr Fluchtwillige dienen konnten, waren von den Posten besonders gr\u00fcndlich zu kontrollieren. Genau mit diesem Ort verbindet sich f\u00fcr Manfred Wolter ein bis heute \u201etraumatische Erlebnis\u201c: W\u00e4hrend seines ersten Diensthalbjahres versah er hier er zusammen mit einem Pos\u00adtenf\u00fchrer seinen Dienst. Ihr Auftrag bestand ausdr\u00fccklich darin, nur die Schleuse zu bewa\u00adchen, weil genau am Vortag von hier aus jemand einen Fluchtversuch unternommen hatte. In der nahe liegenden Erwartung, dass an diesem Tag garantiert hier nie\u00admand mehr einen Fluchtversuch unter\u00adnehmen w\u00fcrde, machten es sich die beiden Posten vor Schleusenw\u00e4rterh\u00e4uschen bequem und beobachteten von dort aus ihr Bewachungsobjekt. Als sie bereits stundenlang in die Dunkelheit gestarrt hatten, ohne dass etwas geschah, \u00fcberkam sie unabh\u00e4ngig voneinander die M\u00fcdigkeit und sie schliefen ein. W\u00e4hrenddessen erschien jedoch ein Offizier in Begleitung eines Diensthundes. Dieser weckte die beiden Posten \u00e4u\u00dferst unsanft und \u00fcbersch\u00fcttete sie mit harschen Vorw\u00fcrfen. Umgehend schickte er sie in die Kompanie, wo sie vom Kompaniechef, dem Polit-Stellvertreter sowie dem Hauptfeldwebel verbal \u201efertig ge\u00admacht\u201c wurden. Der politisch \u00fcberh\u00f6hte Vorwurf gegen sie lautete, dem \u201eKlassenfeind\u201c die Chance gegeben zu ha\u00adben, die DDR zu diskreditieren. Als Strafe f\u00fcr ihr \u201eWachvergehen\u201c sollten sie f\u00fcr einen Tag arrestiert werden. Entgegen dieser Ank\u00fcndigung wurden sie aus Personalmangel aber wiederum auf Streife geschickt. Au\u00dfer einer schriftlichen Stellungnahme mit ver\u00adnichtender \u201eSelbstkritik\u201c blieben weitere Konsequenzen jedoch aus. Beide waren dar\u00fcber sehr erleichtert, zumal sie nach dem Grundwehrdienst noch studieren und ihre pers\u00f6nliche Zukunft nicht gef\u00e4hrden wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mit ihm h\u00e4tte geschehen k\u00f6nnen, wurde Manfred Wolter zu Abschreckungszwecken deutlich gemacht, nachdem er mit seinem ehemaligen Postenf\u00fchrer und drei weiteren als \u201egef\u00e4hrdet\u201c geltenden Matrosen nach Rostock ge\u00adschickt wurde. Dort hatten sie als Zuschauern einem Prozess vor dem Milit\u00e4rgericht beizuwohnen, in dessen Verlauf ein Soldat zu einer Haftstrafe im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis Schwedt verurteilt wurde. Der Name der Oderstadt galt unter Armeeangeh\u00f6rigen als Synonym f\u00fcr strengsten Vollzug, den die meisten Insassen als gebro\u00adchene Pers\u00f6nlichkeit verlie\u00dfen. Vielen Vorgesetzten gen\u00fcgte bereits der Verweis auf Schwedt, um renitente Untergebene einzusch\u00fcchtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Angst versp\u00fcrte Manfred Wolter aber auch in einer anderen Situation, als be\u00adkannt geworden war, dass ein m\u00f6glicherweise bewaffneter Angeh\u00f6riger der Sowjet\u00adarmee aus seiner Ein\u00adheit gefl\u00fcchtet w\u00e4re und sich m\u00f6glicherweise in K\u00fcstenn\u00e4he aufhalte. Derartige Vorf\u00e4lle gab es immer wieder, zumal sich einige sowjetische Soldaten aufgrund der katastrophalen Bedingungen in ihren Kasernen zu derartigen Verzweifelungsdaten hinrei\u00dfen lie\u00dfen. Wolter erinnert sich an das beklemmende Gef\u00fchl, als er den Nienh\u00e4ger Gespensterwald mit dem Maschinengewehr im Anschlag durchstreifte: \u201eBei jedem Knacken von jedem Tier hatte ich regelrecht Angst um mein eigens Le\u00adben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nachhinein ist er aber dennoch erleichtert dar\u00fcber, keine schlimmeren Erfahrungen gemacht zu haben: \u201eIch bin froh, dass ich in den ganzen anderthalb Jahren [\u2026] nicht damit konfrontiert worden bin, dass einer abhauen wollte[\u2026] Man war ja eigentlich dazu vergattert [\u2026], dass Maschinengewehr auch zu nutzen. Was ich [in einer solchen Situation] tats\u00e4chlich gemacht h\u00e4tte, wei\u00df ich nicht. Ich kann nicht sagen, dass ich das h\u00e4tte ich nie gemacht.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es an der Grenze auch anders h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen, beweist ein n\u00e4chtlicher Vorfall, der sich kurz vor dem Ende seiner Wehrdienstzeit zutrug: Nahe der Steilk\u00fcste bei Rerik hatten junge Leute ein n\u00e4chtliches Gesellschaftsspiel gespielt, in dessen Verlauf der Verlierer zum Ufer laufen musste, um ein Glas Ostseewasser zu holen. Mit hoher Geschwindigkeit ans Ufer rennend erregte er jedoch die besondere Aufmerksamkeit zweier Grenzer. Diese zeigten sich davon so \u00fcberrascht, dass einer von ihnen instinktiv sein Maschinengewehr von der Schulter riss und einen Schuss auf den Jugendlichen abfeuerte. Gl\u00fccklicherweise verfehlte er dabei sein Ziel. Statt disziplinarisch zur Verantwortung gezogen zu werden, ohne Vorwarnung geschossen zu haben, wurde der Sch\u00fctze f\u00fcr seine \u201ebesondere Wachsamkeit\u201c anschlie\u00dfend sogar mit einem Orden ausgezeichnet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen von derart dramatischen Ereignissen pr\u00e4gte g\u00e4hnende Langeweile den Alltag der Grenzer. Innerhalb der Kom\u00adpanie existierten so gut wie keine Sport- und Freizeitm\u00f6glichkeiten. Innerhalb eines jeden der drei Diensthalbjahre standen den Wehrdienstleistenden insgesamt sechs Tage, ein Tag \u201eKurz\u00adurlaub\u201c und f\u00fcnf Tage \u201eErholungsurlaub\u201c, zur Verf\u00fcgung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Zeit an der Grenze irgendwie zu \u00fcberbr\u00fccken, fingen alle, die dies bisher nicht getan hatten, mit dem Rauchen an. Obwohl dies strengstens verboten war, h\u00f6rten viele w\u00e4hrend des Dienstes Radio oder lasen ein Buch. Mitunter verlie\u00dfen einige Turmposten zwischenzeitlich ihre \u201eKampfstation\u201c, um drau\u00dfen einige hundert Meter auf und ab zu gehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als willkomme \u201eAbwech\u00adselungn\u201c w\u00e4hrend des n\u00e4chtlichen Streifendienstes galt das heimliche Beobachten von Liebespaaren am Strand. So brachten die Posten die als Strandk\u00f6rbe dienenden Liebesnester bereits vorab in eine solche Position, dass ihnen eine gute Sicht mit dem Fernglas m\u00f6glich war. Wolter erkl\u00e4rt derart kindische Verhaltensweisen damit, man w\u00e4re ansonsten \u201ebl\u00f6d geworden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Als jemand aus der Einheit Wolter darauf ansprach, ob er mit ihm als Gitarrisen zusammen einen Singeclub aus der Taufe heben wolle, war er sofort mit dabei. Obwohl er \u00fcber kein besonders Gesangstalent verf\u00fcgte und sich ihr Repertoire auf politisch konformes Liedgut beschr\u00e4nken musste (\u201eSag mir, wo Du stehst\u201c etc.), sah er darin dennoch einen willkommenen Freiraum, um \u201eet\u00adwas anderes\u201c zu machen. Die Mitarbeit in der Gruppe zahlte sich aus: W\u00e4hrend der ausw\u00e4rts stattfindenden Auftritte blieben ihm die verhassten Dienste erspart. Zudem erhielten die Mitglieder Sonderurlaub, als Auszeichnung f\u00fcr einen gewonnenen Gesangswettbewerb.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die zeichnerischen F\u00e4higkeiten Manfred Wolters entdeckt wurden, wurde er w\u00e4hrend des letzten Diensthalbjahres bevorzugt im Stabsgeb\u00e4ude eingesetzt. Dort hatte er an einer gl\u00e4sernen Wandkarte die Positionen der im K\u00fcstengew\u00e4sser gemeldeten Schiffe einzutragen. Seine neue Vertrau\u00adensstellung verschaffte ihm gr\u00f6\u00dfere Narrenfreiheit. So hatte er die M\u00f6glichkeit, das Geb\u00e4ude mehrfach am Tag zu verlassen, ohne gesondert kontrolliert zu werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Allen anderen Matrosen stand nach zehn Dienstagen in Folge nur ein Tag \u201eLandgang\u201c zu, an dem sie ihre Unterkunft verlassen durften. Die Strei\u00adchung des Landganges galt daher als empfindliche Strafen. Als einige Kame\u00adraden einmal mit Landgangsverbot belegt worden waren, weil sie westliche Radio\u00adsender abgeh\u00f6rt hatten, schmuggelte Wolter ihnen alko\u00adholische Ge\u00adtr\u00e4nke in die Unter\u00adkunft, woraufhin er anschlie\u00dfend b ei ihnen gefeiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts seiner Erfahrungen als Grenzer habe er sich vor allem im dritten Diensthalbjahr \u00f6fter die Frage gestellt: \u201eWas soll dieser ganze Mist hier eigentlich?\u201c Obwohl er schl\u00fcssige Antwort darauf nicht fand, befahl ihm eine Art \u201einnere Stimme\u201c immer wieder: \u201eDu musst das hier durchziehen.\u201c Das Ende seiner Armeezeit erlebte der junge Mann tats\u00e4chlich als eine Befreiung: \u201eEs war ein\u00adfach sch\u00f6n aus dieser Disziplinierung herauszukommen.\u201c Die Einschr\u00e4nkung der Rechte der Soldaten sei extrem gewesen. \u201eEigentlich hatten wir ja gar keine Rechte.\u201c Politisch be\u00adtrachtet, h\u00e4tte die Disziplinierung f\u00fcr ihn schon den Zweck gehabt, konforme DDR-B\u00fcrger zu erziehen. Wenn er den 18 Monaten \u00fcberhaupt etwas Gutes abgewinnen k\u00f6nne, dann dieses: Sie habe ihm geholfen, extreme Situationen durchzustehen. Die anstrengenden Dienste, die man ja zum Teil bei Minusgraden und eisigen Wind hatte ableisten m\u00fcssen, h\u00e4tten ihm dabei geholfen, sich selbst zu disziplinieren und nicht die Nerven zu verlieren. In dieser Hinsicht tr\u00e4fe auch das Bild von der Armee als \u201eSchule des Lebens\u201c f\u00fcr ihn zu.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fchlungsborn ist f\u00fcr Manfred Wolter ein Ort, in den er sich auch heute immer wieder gern aufh\u00e4lt. 2005 hatte er erstmals nach 30 Jahren wieder die Gelegenheit, den erhalten gebliebenen Grenzturm zu besteigen. In diesem Moment sei auch sein Interesse erwacht, mit anderen Menschen \u00fcber seine fr\u00fcheren Erlebnisse zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/neu.ostseegrenzturm.net\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/zilmer-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-106\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/zilmer-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/zilmer-300x225.jpg 300w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/zilmer-768x576.jpg 768w, http:\/\/ostsee-grenzturm.com\/da\/wp-content\/uploads\/sites\/4\/2021\/10\/zilmer.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3>Zillmer, Reiner<\/h3>\n\n\n\n<p>ehemaliger Grenzhelfer<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zum Schicksal und Werdegang&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quellenbasis:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Interview am 31. Juli 2007 in K\u00fchlungsborn&nbsp;<\/li><li>Personalbogen aus dem Jahr 1962<\/li><li>Urkunden f\u00fcr Grenzhelfert\u00e4tigkeit<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Reiner Zillmer kam 1941 als zweiter Sohn eines kaufm\u00e4nnischen Angestellten in Stettin zur Welt. Nachdem die Stadt 1945 unter polnische Verwaltung geriet, musste die Familie in die Sowjetische Besatzungszone \u00fcbersiedeln. Aus der Hauptstadt der ehemaligen preu\u00dfischen Provinz Pommern kommend, strandete sie in der mecklenburgischen Gemeinde Zarfzow (Kreis Wismar). In Ermangelung politisch unbelasteter Verwaltungsfachleute ernannte die Besatzungsmacht den Vater zum B\u00fcrgermeister des Nachbardorfs Ravensberg.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bedingt durch mehrere T\u00e4tigkeitswechsel des Familienoberhauptes zogen die Zillmers binnen weniger Jahre h\u00e4ufig um: 1949 nach Wismar, 1951 nach Rerik und 1954 nach Bad Doberan. Der letzte Umzug war n\u00f6tig geworden, nachdem der Vater aufgrund einer Denunziation bei der Besatzungsmacht von seinem Posten als B\u00fcrgermeister der Stadt Rerik abberufen worden war und anschlie\u00dfend in der Kreisstadt eine neue Anstellung erhielt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abschluss der achten Klasse absolvierte der geb\u00fcrtige Stettiner eine dreij\u00e4hrige Lehre als Schriftsetzer in der Doberaner Stadtdruckerei. Parallel zur Berufsausbildung besuchte er die Volkshochschule. Dort erwarb er die Mittlere Reife, um anschlie\u00dfend das P\u00e4dagogische Institut in G\u00fcstrow besuchen zu k\u00f6nnen. Im Rahmen eines dreij\u00e4hrigen Direktstudiums sowie eines weiteren Jahres Fernstudium wurde er zum Fachlehrer f\u00fcr Mathematik, Physik und Astronomie ausgebildet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich der \u00e4ltere Bruder aus politischer Unzufriedenheit in den Westen absetzte, verteidigte Reiner Zillmer aktiv die DDR. Wie die Mehrheit seiner G\u00fcstrower Kommilitonen, die ebenfalls auf dem zweiten Bildungsweg zum Studium gekommen waren &#8211; darunter etliche wegen Westverwandtschaft ausgemusterte Offiziere (Hauptm\u00e4nner und Oberleutnante) &#8211; engagierte er sich aus innerer \u00dcberzeugung in der Freien Deutsche Jugend (FDJ) Im Unterschied zu vielen Altersgenossen und nachfolgenden Studentengenerationen in der sp\u00e4ten DDR erachteten sie die Teilnahme an der vormilit\u00e4rischen Ausbildung der Gesellschaft f\u00fcr Sport und Technik (GST) als n\u00fctzlich und notwendig. Aus Emp\u00f6rung \u00fcber den 1960 von den USA angezettelten Putsch im Kongo und der Ermordung des ersten gew\u00e4hlten Ministerpr\u00e4sidenten Patrice Lumumba erkl\u00e4rten sich s\u00e4mtliche GST-Mitglieder aus Zillmers Seminargruppe zur Teilnahme an einem Milit\u00e4reinsatz im kongolesischen Dschungel bereit. Obgleich man derlei \u00fcberschie\u00dfende Reaktionen von offizieller Seite abgewehrte, wurde der Enthusiasmus der Jugendlichen bald in anderem Zusammenhang gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang August 1961 war es soweit: Obwohl die offizielle Einf\u00fchrung der allgemeinen Wehrpflicht erst Januar 1962 erfolgte, erhielten die m\u00e4nnlichen Institutsangeh\u00f6rigen bereits jetzt einen Einberufungsbefehl zur Nationalen Volksarmee (NVA). Einsatzort war ein im Aufbau befindliches Raketenobjekt im brandenburgischen Gro\u00df Behnitz bei Nauen. Nach zweit\u00e4gigen Schie\u00df\u00fcbungen im Gel\u00e4nde und anschlie\u00dfender milit\u00e4rischer Vereidigung wurde unvermittelt Gefechtsalarm ausgel\u00f6st. F\u00fcr die g\u00e4nzlich ahnungslosen Jugendlichen brachen Tage voller Ungewissheit an. Aufgrund des in letzter Zeit sp\u00fcrbar frostiger gewordenen Klimas zwischen Ost und West kursierten Ger\u00fcchte \u00fcber den bevorstehenden Ausbruch eines Dritten Weltkrieges. Vollst\u00e4ndig abgeschirmt von der Au\u00dfenwelt und getrennt von ihren Familien waren sie einem enormen psychischen Druck ausgesetzt. Reiner Zillmer &#8211; seit wenigen Wochen Vater eines Sohnes &#8211; litt besonders darunter.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am 13. August 1961 offenbarte sich den jungen M\u00e4nnern endlich der wahre Grund ihrer Einberufung: Zur milit\u00e4rischen Absicherung des bevorstehenden Mauerbaus hatte die SED-F\u00fchrung Truppen im Berliner Hinterland zusammen gezogen, die im Falle einer bewaffneten Konfrontation mit den westlichen Schutzm\u00e4chten kurzfristig h\u00e4tten eingesetzt werden k\u00f6nnen. Da die bef\u00fcrchtete Eskalation nicht eintrat, wurden die Lehrerstudenten am 20. September als Reservisten entlassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Rund ein Jahr sp\u00e4ter, p\u00fcnktlich zu Beginn des neuen Schuljahres 1962\/63, trat der angehende P\u00e4dagoge den Schuldienst in Vietgest im Kreis G\u00fcstrow an. Das Einstiegsgehalt des mittlerweile zweifachen Vaters betrug 540 Mark. Nachdem er 1964 in die SED eingetreten war und bereitwillig die Funktion als Parteisekret\u00e4r \u00fcbernommen hatte, empfahl er sich binnen weniger Jahre f\u00fcr den frei gewordenen Posten des Schuldirektors.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Bildung einer Zentralschule im nahe gelegenen Lalendorf wurden kleinere Schulen wie die in Vietgest aufgel\u00f6st. Ihr einstiger Direktor Zillmer wurde nach Lalendorf versetzt, wo er erneut unter seinem fr\u00fcheren Vorgesetzten als dessen Stellvertreter arbeiten musste. Aus diesem Grunde fassten er und seine ebenfalls an der Schule t\u00e4tige Frau den Entschluss, sich nach einer neue Wirkungsst\u00e4tte im Kreis Bad Doberan umzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1977 arbeitete das Lehrerehepaar an der K\u00fchlungsborner Diesterweg-Oberschule. F\u00fcr den neuen stellvertretenden Direktor Rainer Zillmer zahlte sich der Neuanfang aus. Bereits binnen weniger Jahre \u00fcbernahm er die Leitung der Schule, die eine Patenschaftsbeziehung zur 6. Grenzkompanie im Ort unterhielt. W\u00e4hrend die Sch\u00fcler anl\u00e4sslich des Tages der Grenztruppen am 1. Dezember regelm\u00e4\u00dfig Kulturprogramme auff\u00fchrten und den Uniformierten Blumen \u00fcberreichten, unternahmen diese im Gegenzug Besuche bei Fahnenappellen und Schulabschlussfeiern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberzeugt davon, dass es ihm als Vertreter der Schulleitung und Reservist \u201egut zu Gesicht st\u00fcnde\u201c, sich den f\u00fcnf zivilen Grenzhelfern seines Kollegiums anzuschlie\u00dfen, meldete sich Reiner Zillmer im November 1978 bei der Grenzkompanie. Die Einweisung in seine neuen Aufgaben erhielt er durch einen verantwortlichen Offizier. Als \u201eFreiwilliger Helfer der Grenztruppen\u201c hatte er k\u00fcnftig sowohl das Recht als auch die Pflicht, gezielt Ausschau nach potenziellen Grenzverletzern zu halten, deren Papiere im Verdachtsfalle zu kontrollieren und sie gegebenenfalls den Grenztruppen \u201ezuzuf\u00fchren\u201c. Die n\u00e4heren Einzelheiten der Streifendienste &#8211; wer mit wem wann auf Streife ging &#8211; regelte ein untereinander abgestimmter Dienstplan. Die abendlichen Kontrollg\u00e4nge fanden in der Regel einmal pro Monat in der Zeit von 19.00 bis 21.00 Uhr statt. Sowohl der Antritt als auch das Ende jedes Dienstes waren einem Vertreter der Grenzkompanie telefonisch zu \u00fcbermitteln. Nicht selten kam es vor, dass letztere die Streifeng\u00e4nger kontrollierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eGrenzabschnitt\u201c, in dem Reiner Zillmer auf Streife ging, erstreckte sich in Strandn\u00e4he vom Konzertgarten bis hin zum Zeltplatz. Wie der ehemalige Schuldirektor am\u00fcsiert berichtet, w\u00e4re er damals h\u00e4ufig mit seinem Partner auf \u201emehr als auf ein Bier\u201c in die Gastst\u00e4tte \u201eNasse Sack\u201c eingekehrt, die aufgrund der staatskritischen Einstellung des Wirtes als wichtiges Beobachtungsobjekt galt. \u201eBesondere Vorkommnisse\u201c, die die Streifeng\u00e4nger per Telefon h\u00e4tten melden m\u00fcssen, w\u00e4ren im Beisein Zillmers aber niemals vorgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur \u00dcberpr\u00fcfung ihrer Einsatzbereitschaft h\u00e4tten sich alle freiwilligen Helfer der Grenzbrigade von Zeit zu Zeit sportlichen Leistungsvergleichen stellen m\u00fcssen. Reiner Zillmer erinnert sich noch an die Teilnahme an einem Hindernismarsch mit verschiedenen Stationen, bei denen u.a. Tauklettern und Schie\u00dfen geprobt wurden. In K\u00fchlungsborn richtete die Grenzkompanie j\u00e4hrliche Zusammenk\u00fcnfte f\u00fcr ihre Helfer aus, die \u201ein lockerer Atmosph\u00e4re\u201c mit viel Alkohol stattfanden. Anl\u00e4sslich derartiger Treffen seien auch Auszeichnungen an langj\u00e4hrige Grenzhelfer verliehen worden. R\u00fcckblickend auf diese Zeit berichtet Reiner Zillmer, er h\u00e4tte seinen Beobachtungsdienst mit einer \u201eMischung aus Pflichterf\u00fcllung\u201c und \u201eeiner gewissen Freude\u201c versehen. Da er mit dem Grenzregime gro\u00df geworden und \u00fcberzeugter Genosse gewesen sei, habe er es zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der \u00d6ffnung der deutsch-deutschen Grenze 1989 endete die Grenzhelfert\u00e4tigkeit. Kurz vor Weihnachten 1989 wurden alle Betroffenen in die Kompanie gerufen, um dort ihre Ausweise sowie die ihnen ausgeh\u00e4ndigten Uniformteile abzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitzeugenberichte Berg, Hanno (Pseudonym) Elektriker, unternahm 1972 einen Fluchtversuch \u00fcber die Ostsee Informationen zu Schicksal und Werdegang&nbsp; Quellenbasis: Interview am 7. November 2007 in Rostock&nbsp; Hanno Berg, Jahrgang 1948, kam in K\u00fchlungsborn zur Welt. Vier Jahre sp\u00e4ter wurde sein Bruder Kurt geboren. 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